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Октябрь
2018

"Street Art Jam": Subkultur aus Sinsheim

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Von Tim Kegel

Sinsheim. Subkultur aus Sinsheim - so etwas gibt es tatsächlich. Was mancher Einwohner seit Jahren vermisst hat, das darf sein Gesicht seit dem Wochenende in der Straßenunterführung der Hauptstraße zwischen Postgarten und Klostergasse zeigen: Graffiti-Sprayer und andere Straßenkünstler haben dem tristen Durchgang mehr als nur Farbe gegeben. Dies sogar hochoffiziell und mit Genehmigung.

Eingangs der Unterführung hat Felix Falkner aus Hoffenheim seine Sprühdosen gleich kistenweise aufgebaut. Fein abgestuft wie die Palette eines Kunstmalers. Dem Aufruf der Stadt ist er gefolgt, weil er es gut fand, an dieser prominenten Stelle "mal was mit Botschaft malen zu können". Felix Falkner, inzwischen hauptberuflicher Street-Art-Künstler, ist derjenige, der vor Jahren schon im Auftrag der Stadt die Musikschulmuschel verschönert hat. Gemeinsam mit Paula Dell’Anna hat er die künstlerische Leitung des Projekts übernommen, das "JuMo", die mobile Jugendarbeit, und das städtische Jugendreferat gemeinsam in die Wege geleitet haben.

Und die Unterführung, die Sinsheim-Ost mit der Stadtmitte verbindet, war bis vor kurzem noch ein trister, nach Urin, Zigarettenstummeln, Diesel, Hund, Katze, verschüttetem Alkohol und anderen Substanzen riechender Ort. Generationen von Schülern mussten hier durch, holten sich klebrige Schuhsohlen. So dermaßen verkritzelt und verschrammt waren die Wände, dass der Durchbruch unter der Bundesstraße B39 fast alles Licht schluckte. Der dunkelste Ort im täglichen Sinsheim, gleich nach dem Duttengässchen.

13 Bewerbungen für den vorausgegangenen "Street Art Contest" lagen vor, schildern Laura Olbert und Markus Bosler. Zwölf wurden genommen, "die waren alle echt gut"; einen Beitrag mussten sie ablehnen, weil sich an jenem eine ganze Schulklasse beteiligt hätte. Dieses Mal passte dergleichen nicht ins Konzept.

Dieses Mal ging’s um professionelle und semiprofessionelle Arbeiten, wie den Beitrag von Paula Dell’Anna. Die 17- Jährige aus Sinsheim hat einen Grindwal von ihrem winzigen Smartphone-Bildschirm auf die gähnend leere graue Wand übertragen. Ihr geübtes Auge hat sich bereits bei der Verschönerung des Stromhäuschens am Stiftsbuckel bewährt - und im Kunst-Leistungskurs der Oberstufe am Wilhelmi-Gymnasium.

Bis Sonntagabend haben sie gearbeitet: Verschiedene Stile, Techniken und Gedanken, gesprüht, gemalt, getupft, gepinselt: Ein einsamer Wal, der in der Tiefsee abtaucht; ein losschreiender Mund mit Reißverschluss; ein satirisches Landschaftsbild, versehen mit vielen Andeutungen. Darüber der Schriftzug "Zum Wilhelmi" für den offiziellen Anstrich. Dass zwischen der Reinigungsaktion des Bauhofs - dem Zurücksetzen auf eine weißgraue Grundierung im Vorfeld - und dem nächsten gedankenlosen Vollsprühen  keine 24 Stunden vergingen, auch dies war hier irgendwie absehbar: Nicht nur brave Gymnasiasten kämen hier durch, weiß "Gerry", der hier schon lange nicht mehr durchkommt.

Der 30-Jährige, der hiesige Szene-Events wie "Ganz weit draußen" mit organisiert hat, ist Sinsheimer, den es inzwischen mehr nach Heidelberg, Mannheim, Frankfurt und Stuttgart zieht. Gefilde, welche die Sinsheimer Jugendarbeit inzwischen offenbar wohl wieder erreicht: Auch bei der Sanierung des Skaterparks beim Jugendhaus haben sich "Altgediente" eingebracht.

Sozialarbeiterin Laura Olbert und auch Markus Bosler, Jugendreferent der Stadt, bringen offensichtlich eine Glaubwürdigkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit sich, mit der sich manche Stadtjugendpflege-Mitglieder vor ihnen schon schwerer taten. Nun läuft Hip-Hop und Reggae, stärken sich die Maler mit ein, zwei Radler, fühlt man sich fast an Zeiten erinnert, als Sinsheim noch ein Jugendzentrum hatte, das sich selbst verwaltete. Eine Art Aufbruchstimmung.

Doch was, wenn die Kunstwerke eines nachts wieder gedankenlos und dilettantisch übersprüht werden würden? Könnte passieren, schätzt Paula Dell’Anna, "das sind andere Leute als wir, die so etwas machen". Auch "Gerry" sieht’s gelassen: "Dann kommen wir zurück und richten’s wieder her."