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Nicole Jäger: Komikerin über häusliche Gewalt – Kritik an Dieter Nuhr

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Als Komikerin greift sie in ihrem Programm auch schwierige Themen auf. Sie möchte damit sich selbst und anderen Menschen helfen, sagt Nicole Jäger. Doch Humor hat auch Grenzen. Für Nicole Jäger ist Comedy mehr als ihr Beruf, sie bezeichnet Humor als ihren Lebensretter. Sie nutzt ihn bewusst auch für schwierige Themen, spricht auf der Bühne beispielsweise über eine frühere toxische Beziehung, in der sie häusliche Gewalt erlebt hat. Auch ihren Körper thematisiert sie in ihrer aktuellen Tour "Grande Dame". Mit t-online spricht sie über die Grenze von Humor und Ernsthaftigkeit, Diskriminierung und Dieter Nuhr, der im Juni dieses Jahres mit Aussagen über Femizide viel Wirbel auslöste. t-online: Frau Jäger, Humor ist für Sie nicht nur Beruf, sondern, wie Sie sagen, eine Überlebensstrategie. Was meinen Sie damit? Nicole Jäger: Ich nutze mein Programm, um eine Botschaft zu verbreiten, zu motivieren und zu empowern. Humor ist mein Mittel für und gegen alles. Bei allem, was ich schon durchgemacht habe, rettet er mein Leben. Das meine ich ernst. Sie spielen auf Ihre eigene Erfahrung mit häuslicher Gewalt an. Ja. Ich bin eine Überlebende häuslicher Gewalt. Nicole Jäger: "Er hat mir fünf Jahre meines Lebens geklaut" Bei einem Ihrer Auftritte haben Sie sehr ernst über diese Erfahrung gesprochen. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Humor und Ernsthaftigkeit? Humor ist für mich eine Rampe, um Menschen für ernste Themen zu öffnen. Es gibt Momente, in denen Ernsthaftigkeit notwendig ist, um die Emotionen des Publikums zu erreichen. Wenn ich über Themen wie häusliche Gewalt spreche, nutze ich leise und sanfte Töne, um Menschen mitzunehmen. Ich möchte, dass mein Publikum fühlt, was ich fühle, dass die Menschen wissen, dass sie nicht allein sind. Und versprochen: Vorher und hinterher werden wir darüber lachen. Warum eignet sich Humor auch für schwierige ernste Themen? Humor muss alle Themen ansprechen dürfen – allerdings mit dem nötigen Feingefühl. Das gilt gerade für persönliche, verletzliche Themen. Über Narben und Schmerz kann ich am besten reden, indem ich Menschen zum Lachen bringe, damit sie sich wohl und gesehen fühlen. Sie sagen, Humor dürfe alles. Dieter Nuhr hat kürzlich bei einem Auftritt in der ARD Witze über Femizide gemacht. Wie haben Sie das wahrgenommen? Es braucht eine Legitimation, über ein Thema zu reden. Deshalb dachte ich, ich höre und sehe nicht richtig. Das geht nicht. Ich kann mich auch nicht hinstellen und so zum Beispiel über Rassismus sprechen, denn ich erlebe keinen Rassismus. Er kann sich nicht als Mann hinstellen und sagen: Na ja, vielleicht sollte man einfach mal die Männer kennenlernen, bevor man sich auszieht. Das ist nicht witzig. Das ist richtig schlechter Humor auf Kosten der Opfer und der Überlebenden häuslicher Gewalt. Nicht lustig: Dieter Nuhr verscherzt sich Beurteilen Sie seinen Auftritt eher aus der Perspektive einer Überlebenden häuslicher Gewalt oder der Comedian-Kollegin? Beides: In Nuhrs Fall macht Humor eine Sache schlimmer, anstatt besser. Hier hat der falsche Mensch mit zu wenig Gefühl für das Thema das Falsche gesagt. Ich darf darüber sprechen und Witze machen. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Dieter Nuhr keine häusliche Gewalt aus der Sicht einer Frau erlebt hat. Humor ist meiner Meinung nach dazu da, einen Missstand aufzuzeigen oder auf Themen aufmerksam zu machen, die zu wenig beachtet werden. Wenn man so eine Reichweite hat wie Dieter Nuhr, hat man so viel Macht, etwas Gutes zu tun – und eine Verantwortung. Du kannst nicht alles raushauen und dich dann auf unter dem Deckmantel der Kunst verstecken. Aber die Kunstfreiheit gilt auch für Äußerungen, die andere als geschmacklos empfinden. Ja, das finde ich auch total wichtig. Aber Dieter Nuhr hat eine Grenze überschritten. Dann applaudieren dir die falschen Leute. Mich regt selten etwas in der Comedy auf, aber das war einfach unterste Schublade. Es ist auf so vielen Ebenen unglaublich herablassend, herabwürdigend und respektlos. Ein Thema, mit dem Sie sich auch in Ihrem Programm intensiv beschäftigen, sind Körperbilder. Wie hat sich deren öffentliche Wahrnehmung in den vergangenen Jahren verändert? Wir waren auf einem guten Weg, und dann sind wir an irgendeiner Kreuzung in den Acker abgebogen. Es ist so absurd, dass es fast schon wieder lustig ist. Body Positivity, also die Akzeptanz und Wertschätzung aller Körper, war ein Trend. Jetzt merkt man: Je radikaler eine Gesellschaft wird, desto feindseliger ist sie gegenüber jeder Form von Andersartigkeit. Woran machen Sie das fest? Wir erleben aktuell einen Anstieg von Frauenhass und jeder Form von Körperdiskriminierung, vor allem, was Hass gegen Übergewichtige angeht. Diese Menschen scheinen vogelfrei zu sein. Das ist ein systematisches, strukturelles Problem, das in den vergangenen zwei Jahren eklatant schlimmer geworden ist. Es ist beispielsweise wissenschaftlich belegt, dass übergewichtige Kinder schlechter benotet werden. Beim Arzt wird man schlechter oder gar nicht behandelt. Wie erleben Sie diese Diskriminierung persönlich? Besonders schlimm ist es im Internet. Diese Art von Hass, die ich und andere Menschen da erleben, vor allem Frauen und dicke Frauen, ist heftig. Ich wünsche mir, dass klare Richtlinien gegen Hass im Netz in Kraft treten. Es kann nicht sein, dass das Internet ein rechtsfreier Raum ist. Und ohnehin frage ich mich immer wieder: Warum beurteilen Menschen die Körper anderer Menschen? Dass ich übergewichtig bin, ist ja maximal mein Problem. Das geht sonst niemanden etwas an. Zudem ist es mittlerweile belegt, dass Adipositas eine chronische Erkrankung ist. Aber das wird von vielen nicht akzeptiert. Derzeit wird viel über Abnehmspritzen diskutiert. Wie blicken Sie auf diese Debatte? Als übergewichtiger Mensch kann man es sowieso nicht richtig machen: Der Weg zum "Wunschgewicht" muss hart sein, man muss bluten und schwitzen. Und wenn das erreicht ist, ist man immer noch der ehemals Dicke, der jetzt aufpasst. Und dann muss man sich möglicherweise noch anhören, aber bitte darauf zu achten, nicht zu dünn zu werden. Aber weshalb jetzt so viele Menschen zur Abnehmspritze greifen, liegt für mich auf der Hand – insbesondere bei Frauen. Warum? Wir leben in einer Gesellschaft, in der man als Frau für nichts so viel Anerkennung bekommt wie für das Verlieren von Gewicht. Ich bin nicht unerfolgreich. Ich habe vier Top-Ten-Bestseller geschrieben. Ich bin mit meiner fünften Tournee unterwegs. Die Hallen sind voll. Trotzdem ist das größte Thema, dass ich viel Gewicht verloren habe. Sie haben in den vergangenen Jahren tatsächlich über 170 Kilogramm abgenommen. Welche Rolle spielt das Abnehmen inzwischen für Sie? Ich nehme immer noch weiter ab. Es ist nicht mein primäres Ziel, abzunehmen. Es geht, ehrlich gesagt, fast von allein, weil ich sehr viel mache. Ich achte auf meine Ernährung, weil ich chronisch schmerzkrank bin. Deshalb esse ich kein Schweinefleisch wegen der Entzündungswerte. Ich esse fast keinen Zucker, weil Zucker meine Schmerzen schlimmer macht. Ich mache Kraftsport und gehe schwimmen, sonst schaffe ich es nicht, abends zwei Stunden auf der Bühne zu stehen. Ich achte auf mich und nehme dabei ab. Wie äußern sich die chronischen Schmerzen, mit denen Sie seit 25 Jahren leben? Ich habe eine sehr ausgeprägte Form der Fibromyalgie . Das heißt, mir tun nicht die Gelenke, sondern die Weichteile am ganzen Körper weh. Immer. Manchmal stehe ich morgens sogar heulend auf. Inzwischen bin ich in schmerztherapeutischer Behandlung, aber ich habe dieser chronischen Schmerzerkrankung jahrelang keinen Raum gegeben. Mir wurde immer vermittelt, das habe mit meinem Übergewicht zu tun und ich solle abnehmen. Aber? Als ich 170 Kilo abgenommen hatte, waren die Schmerzen weiter da und sogar schlimmer. Ein Schmerztherapeut hat mir dann irgendwann gesagt, ich könne auch 20 Kilo Untergewicht haben, die Schmerzen hätte ich trotzdem. Inzwischen rede ich viel über das Thema. Denn Fakt ist: Jeder vierte Mensch ist in Deutschland von chronischen Schmerzen betroffen. Leider wird das noch immer mit Schwäche verbunden. Aber ich möchte den Menschen zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Hinweis der Redaktion: Von häuslicher Gewalt Betroffene erhalten beim Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" unter der kostenlosen Nummer 116 016 rund um die Uhr kostenlos und anonym Unterstützung. Zudem gibt es über die Webseite des Hilfetelefons eine Chat- und E-Mail-Beratung.