Feuer in Behörde gelegt: Angriff in Jugendamt löst Debatte über mehr Schutz aus
Nach dem Angriff in einem Jugendamt in Südbrandenburg wächst die Sorge um die Sicherheit von Mitarbeitern in Behörden. Ämter klagen über mehr Aggressionen. Muss der Schutz erhöht werden?
Der Angriff in einem Jugendamt in Finsterwalde im Süden Brandenburgs hat große Besorgnis und eine Debatte über eine Gefährdung von Behördenmitarbeitern ausgelöst. Verwaltungen berichten von zunehmenden Aggressionen und einem Hochfahren von Sicherheitsvorkehrungen. Laut Gewerkschaft Verdi nehmen Übergriffe auf Beschäftigte im öffentlichen Dienst in Deutschland seit Jahren zu.
Polizei berät mit Jugendämtern über Schutz
Als Folge des Angriffs in Finsterwalde wird die Polizei auf Anordnung des Innenministers auf Jugendämter in Brandenburg zugehen und Beratung zum Schutz der Mitarbeiter anbieten. Das kündigte ein Sprecher des Innenministeriums an. Auch der Landkreis reagierte mit Sofortmaßnahmen.
Im Jugendamt in Finsterwalde - eine Außenstelle der Kreisverwaltung - bedrohte ein Mann am Donnerstag eine Mitarbeiterin und legte Feuer in ihrem Büro. Als Verdächtiger wurde ein 35 Jahre alter Deutscher dann außerhalb des Gebäudes gefasst.
In einem Beitrag bei Instagram sprach die Brandenburger Staatskanzlei von einem „Brandanschlag“. Der Mann soll brennbare Flüssigkeit dabeigehabt haben. Mitarbeiter des Jugendamts konnten das entfachte Feuer laut Polizei schnell löschen.
Verdächtiger in U-Haft
Die Staatsanwaltschaft stellte Haftantrag gegen den Verdächtigen wegen eines versuchten Tötungsdeliktes, sagte ein Sprecher der Polizei. Es sei Untersuchungshaft für den Beschuldigten angeordnet worden. Zu den Hintergründen machten die Ermittlungsbehörden bislang keine Angaben. „Die Motivlage wird derzeit geprüft“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Cottbus.
Minister spricht von Gefahr für Kinder
Nach Aussagen von Brandenburgs Innenminister soll es um unterschiedliche Ansichten über eine Kindeswohlgefährdung gegangen sein. „Dass dann der jeweilige Vater hier in diesem Fall dazu übergeht, einen Angriff auf die Mitarbeiter des Jugendamts (...) durchzuführen, zeigt einerseits, wie gefährlich er ist und wie schlecht Kinder auch in seiner Obhut wahrscheinlich aufgehoben sind“, sagte Innenminister Jan Redmann (CDU) dem RBB.
Landrat will mehr Sicherheit
Der Landrat von Elbe-Elster, Marcel Schmidt, zeigte sich erschüttert über den Angriff und kündigte Konsequenzen an. Zum Schutz der Beschäftigten sei bereits kurzfristig ein Sicherheitsdienst eingesetzt worden, schrieb der parteilose Politiker bei Instagram. „Gemeinsam mit der Polizei werden wir prüfen, wie wir unsere Dienstgebäude und Arbeitsabläufe weiter verbessern können.“
Jugendamt Potsdam nach Video mit Wachschutz
Das Jugendamt in Potsdam setzt aus Sorge um die Sicherheit seit Kurzem einen Wachdienst ein. Eine Person, gegen die bereits wegen mehrerer Vorfälle ein Hausverbot erteilt worden sei, habe in einem Video Verständnis für die Täter von Stade geäußert, wie es von der Stadt hieß.
Zudem bat die Leitung des Jugendamts das Land- und das Arbeitsgericht darum, künftig einen Raum für Gespräche zur Verfügung zu stellen. Denn anders als die Behörde verfügten die Gerichtsgebäude über Sicherheitsschleusen.
In Stade hatten Ende Juni tödliche Schüsse auf sechs Menschen in einer Jugendhilfeeinrichtung für Fassungslosigkeit gesorgt. Es ging um einen Sorgerechtsstreit.
Uckermark-Landrätin prüft höheren Schutz
Auch die Landrätin der Uckermark, Karina Dörk (CDU), berät angesichts wachsender Aggressionen darüber, ob künftig ein Wachschutz engagiert wird, wie sie der Deutschen Presse-Agentur sagte. „Wir müssen uns neu überlegen, wie wir die Mitarbeiter schützen. Es ist erschreckend.“
Interne Alarmrufe im Jugendamt
In ihrer Verwaltung könnten Jugendamtsmitarbeiter bislang in brenzligen Situationen über bestimmte Nottasten am Telefon – eine Art stiller Alarm – Unterstützung von Kollegen rufen. „Da wissen alle, die aufgeschaltet sind, hier ist in dem Büro ein Problem, und wir müssen helfen.“ Wie oft das vorkommt, konnte sie nicht sagen.
Verdi: Verbesserte Schutzkonzepte nötig
Ein Verdi-Sprecher sagte: „Die Übergriffe gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst, bei Rettungsdiensten, in Notaufnahmen von Kliniken und gegen Fahrpersonal nehmen seit Jahren zu.“ Dies belegten nicht nur die Nachrichten der vergangenen Wochen und Monate, sondern auch einschlägige Studien. „Wir fordern seit langem verbesserte Schutzkonzepte, wirksame Prävention und eine ausreichende Personalausstattung. Leider ist eine nachhaltige Besserung bislang nicht in Sicht.“
Landrätin: Mehr Hausverbote
Landrätin Dörk aus der Uckermark schilderte, verbale Übergriffe hätten drastisch zugenommen. Das betreffe das Jugendamt mit oft besonders emotionalen Fällen, das Jobcenter, den sozialpsychiatrischen Dienst und Amtstierärzte. Sie erteile auch mehr Hausverbote, und es würden Anzeigen erstattet. Zahlen dazu konnte sie nicht nennen.
Die jüngsten Angriffe auf Jugendamtsmitarbeiter belasteten auch die Beschäftigten ihrer Verwaltung psychisch, meinte Dörk. Die CDU-Politikerin ist Präsidentin des Landkreistages Brandenburg. Sie betonte aber, sie beziehe ihre Einschätzung auf Erfahrungen aus ihrer Kreisverwaltung. Auch der kommunale Spitzenverband werde sich darüber austauschen.
