Geologie: Wissenschaftler beobachten erstmals, wie neuer Meeresgrund entsteht
Die Erde bricht auf, Lava speit in den Ozean und bildet neuen Meeresboden. Dass das passiert, war bekannt. Miterlebt haben Forscher das noch nie – bis jetzt.
Tief unter der Wasseroberfläche im Südosten des Indischen Ozeans haben Wissenschaftler einen Vorgang beobachtet, der bisher nur theoretisch beschrieben werden konnte: die Entstehung neuen Meeresgrundes – oder, wie es offiziell heißt: ozeanischer Kruste. Französische Geologen konnten mit Messinstrumenten verfolgen, wie an einem mittelozeanischen Rücken neues Gestein durch austretende Lava entstand.
Die Beobachtung fand in einer Tiefe von rund 2000 Metern statt. Für die beteiligten Forscher war sie ein außergewöhnlicher Zufall. Studienleiter Jean-Yves Royer von der Universität Brest erklärte gegenüber der niederländischen Zeitung „NRC“: „Wir haben enorm Glück gehabt.“ Die Messgeräte waren erst wenige Wochen vor dem Ereignis installiert worden. Das Forschungsteam hatte den Ort bewusst ausgewählt, weil sich der dortige mittelozeanische Rücken schon in der Vergangenheit vergleichsweise schnell veränderte. Die Region gehört zu den aktiven Bereichen der Erde, an denen regelmäßig neue Kruste entsteht.
Lava erkaltet und schafft neuen Meeresgrund
Dort registrierten die Geräte schließlich in Echtzeit, wie sich die Erdkruste öffnete und geschmolzenes Material aus dem Erdinneren an die Oberfläche gelangte. Der gesamte Vorgang zog sich über 16 Tage hin. Während dieser Zeit wurde der Meeresboden an der untersuchten Stelle um mehr als einen Meter auseinandergezogen. Dabei traten große Mengen Lava aus, die anschließend erkalteten und eine neue Schicht ozeanischer Kruste bildeten.
Auslöser für die Veränderungen war offenbar eine Serie von Erdbeben. Ein Abschnitt des Meeresbodens senkte sich um mehr als einen Meter ab. Wenig später bahnte sich Lava ihren Weg durch eine entstandene Spalte.
Die mittelozeanischen Rücken bilden mit rund 60.000 Kilometern das längste zusammenhängende Gebirgssystem der Erde – allerdings liegen sie unter Wasser. Immer wieder steigt hier Magma aus dem Erdinneren auf und bildet neue ozeanische Kruste. Gleichzeitig wird älterer Meeresboden an anderen Stellen der Erde in sogenannten Subduktionszonen wieder in das Erdinnere zurückgeführt.
Faszinierender geologischer Vorgang
Die neuen Messdaten aus dem Indischen Ozean ermöglichen einen direkten Einblick in einen der grundlegenden Prozesse der Plattentektonik. Sie zeigen, wie stark sich der Meeresboden nicht nur über Millionen von Jahren, sondern auch während eines einzelnen Ereignisses verändern kann. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden im Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht und liefern erstmals eine direkte Dokumentation dieses geologischen Prozesses.
