Trumps befeuert Medikamenten-Streit in Deutschland: Preise könnten steigen
Der Druck auf die Bundesregierung steigt: Hinter dem Streit über Medikamentenpreise steckt ein internationaler Machtkampf – mit Folgen für Patienten, Krankenkassen und den Pharmastandort Europa. Die Pharmaindustrie hat den Druck auf die Bundesregierung deutlich erhöht. Mit Warnungen vor ausbleibenden Investitionen, verzögerten Markteinführungen neuer Medikamente und gestrichenen Ausbauplänen wehren sich Konzerne gegen die geplanten Sparmaßnahmen im deutschen Gesundheitswesen. Dahinter steckt jedoch mehr als ein nationaler Streit über Arzneimittelpreise: Der Konflikt ist Teil eines globalen Ringens um die künftige Preisgestaltung von Medikamenten. Auch Donald Trump spielt eine zentrale Rolle. Heftige Kritik am Warken-Gesetz Im öffentlichen Fokus steht zunächst ein Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU). Um die Finanzen der gesetzlichen Krankenversicherung zu stabilisieren, sollen Hersteller künftig höhere Abschläge auf Medikamente gewähren. Für die Krankenkassen geht es um Milliardenbeträge. Die Pharmaunternehmen dagegen warnen vor negativen Folgen für Forschung und Investitionen. Zukunft der Pflege: "Alles andere passt nicht mehr in unsere heutige Zeit" GKV-Reform: Mission Impossible Besonders deutlich formulierten das zuletzt mehrere internationale Konzerne. Pfizer warnte Bundeskanzler Friedrich Merz in einem Brief vor einem zunehmend schwierigen Investitionsumfeld. Astrazeneca stellte infrage, neue Medikamente künftig noch zuerst in Deutschland auf den Markt zu bringen. Eli Lilly halbierte nach eigenen Angaben eine geplante Milliardeninvestition, Boehringer Ingelheim strich Ausbaupläne im Umfang von 900 Millionen Euro. Auf den ersten Blick wirkt der Streit wie ein klassischer Konflikt zwischen Politik und Industrie. Tatsächlich reichen seine Ursachen weit über Deutschland hinaus. Eine entscheidende Rolle spielt die Gesundheitspolitik von US-Präsident Donald Trump. Trumps Pläne verändern den Markt So hat die US-Regierung eine Handelsuntersuchung gegen Deutschland eingeleitet. Sie wirft Berlin vor, für innovative Arzneimittel dauerhaft zu wenig zu bezahlen und damit einen zu großen Teil der Forschungs- und Entwicklungskosten auf US-Patienten abzuwälzen. Grundlage ist ein US-Handelsgesetz, das im Extremfall auch Strafzölle ermöglichen könnte. Washington hat Deutschland bereits aufgefordert, dem Beispiel Großbritanniens zu folgen und über höhere Arzneimittelausgaben zu verhandeln. Trump will die Preise verschreibungspflichtiger Medikamente in den USA darüber hinaus stärker an den niedrigeren Preisen anderer Industrieländer ausrichten. Hinter dem Vorhaben steckt der sogenannte Most-Favored-Nation-Ansatz, zu Deutsch: Meistbegünstigungsprinzip. Vereinfacht gesagt sollen die USA für bestimmte Arzneimittel künftig nicht mehr zahlen als andere wohlhabende Länder. Der amerikanische Preis würde sich dann am günstigsten Preis orientieren, den ein Hersteller beispielsweise in Deutschland oder einem anderen europäischen Staat akzeptiert. Bayer-Chef Bill Anderson: "Ich verstehe die Frustration der US-Regierung über die europäische Arzneimittelpolitik" Warkens Gesundheits-Paket: Länder fürchten Kliniksterben Für die Pharmakonzerne wäre das ein grundlegender Einschnitt. Bislang konnten sie in Europa niedrigere Preise akzeptieren, weil sie auf dem deutlich profitableren US-Markt wesentlich höhere Erlöse erzielten. Würden europäische Preise künftig als Maßstab für die USA dienen, könnten die Unternehmen dort Milliarden verlieren. Bayer-Chef Bill Anderson warnte Anfang Juni im Interview mit t-online vor einem "gefährlichen Dominoeffekt". Er erläuterte anhand eines Beispiels: Kostet ein Medikament in den USA 100 Dollar, in Deutschland aber nur 30 Dollar, oder in Frankreich nur 20 Dollar, könnten die Vereinigten Staaten künftig verlangen, ebenfalls nur noch 20 Dollar zu zahlen. "Das Problem ist aber: Neue Therapien könnten dann gar nicht mehr in Europa eingeführt werden, weil sie sonst indirekt die Preise in den USA senken", so Anderson. Veränderte Spielregeln für Europa Genau deshalb wächst der Druck auf europäische Regierungen. Auch Astrazeneca-Manager Niko Andre sieht darin einen Wendepunkt. Der Most-Favored-Nation-Ansatz der USA und die wachsende Konkurrenz aus China "verändern die Spielregeln für den Innovationsstandort Europa", sagte er im Interview mit t-online. "Und beides setzt klinische Forschung und Investitionen in Europa unter Druck." Aus Sicht der Branche sollen innovative Medikamente in Europa künftig höhere Preise erzielen. Deutschland ist dabei nicht zufällig in den Fokus gerückt. Das Land gilt als einer der wichtigsten Pharmamärkte Europas und zugleich als bedeutender Forschungs- und Produktionsstandort. Entscheidungen in Berlin haben deshalb Signalwirkung für andere europäische Staaten. Hinzu kommt, dass die Bundesregierung selbst zwei Ziele verfolgt, die sich nur schwer miteinander vereinbaren lassen. Einerseits sollen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung begrenzt werden. Andererseits will Bundeskanzler Friedrich Merz die industrielle Gesundheitswirtschaft gezielt stärken. Bei einem Besuch des Pharmakonzerns Salutas Pharma, das zum Hersteller Sandoz gehört, bezeichnete er den Gesundheitssektor als einen der wichtigsten Wachstumsmärkte Deutschlands und betonte die strategische Bedeutung einer starken Arzneimittelproduktion in Europa. Großbritannien dient als Vorbild Dass die Pharmaindustrie mit ihrer Strategie indes Erfolg haben kann, zeigt nach Ansicht vieler Beobachter Großbritannien – worauf die US-Administration auch anspielte. Im Vereinigten Königreich sagte die Regierung im Rahmen eines umfassenderen Abkommens höhere Arzneimittelausgaben zu. Kritiker sehen darin einen Präzedenzfall. "Die Industrie ist hoch erfreut darüber, wie die britische Regierung unter ihrem Druck eingeknickt ist", sagte Diarmaid MacDonald von der Patientenorganisation Just Treatment. Die britische Regierung verweist dagegen darauf, dass das Abkommen den zollfreien Zugang zum US-Markt sichere und innovationsfreundlichere Bedingungen schaffe. Die Bundesregierung scheint den Warnungen der Branche inzwischen zumindest teilweise entgegenzukommen. Nach Informationen aus Koalitionskreisen soll ein ursprünglich geplanter dynamischer Herstellerabschlag entfallen. Stattdessen wird über einen festen Abschlag diskutiert, der den Unternehmen mehr Planungssicherheit bieten soll. Die grundsätzliche Kritik der Branche an den deutschen Preisvorgaben dürfte damit allerdings nicht verstummen. Müssen Patienten nun mehr bezahlen? Für gesetzlich Versicherte bedeutet der Streit zunächst nicht, dass Medikamente unmittelbar teurer werden. Die Preise verschreibungspflichtiger Arzneimittel werden in Deutschland reguliert. Auch die Zuzahlungen ändern sich dadurch nicht automatisch. Langfristig könnte der Konflikt dennoch Folgen haben. Aus Sicht der Industrie spricht vieles dafür. "Daran führt kein Weg vorbei. Einige Medikamente müssen sicher teurer werden", sagte Astrazeneca-Manager Andre t-online. Hochinnovative Medikamente seien mit hohen Entwicklungsrisiken verbunden. Wer Spitzenforschung wolle, müsse diese auch finanzieren. Sollten europäische Staaten den Forderungen der Industrie nach höheren Erstattungspreisen nachgeben, würden die Ausgaben der Krankenkassen steigen. Das könnte den Druck auf die Beitragssätze erhöhen. Gleichzeitig argumentieren die Unternehmen, nur attraktivere Marktbedingungen sicherten Investitionen, klinische Studien und einen schnellen Zugang zu innovativen Therapien. Ob diese Rechnung aufgeht, ist umstritten. Kritiker verweisen darauf, dass Europa trotz aller Standortdebatten ein milliardenschwerer Absatzmarkt bleibt. "Amerika ist nicht der einzige Markt auf der Welt", sagte Sally Gainsbury von der Denkfabrik Nuffield Trust. Die Erfahrung aus Großbritannien sei vielmehr eine Warnung: Gesundheitssysteme gäben am Ende mehr Geld aus, ohne dass die Bevölkerung automatisch stärker von Innovationen profitiere. Genau darin liegt das Dilemma für die Bundesregierung. Sie muss die Finanzen der Krankenkassen stabilisieren und zugleich verhindern, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb um Forschung und Produktion an Attraktivität verliert. Ob Medikamente deshalb künftig tatsächlich teurer werden, ist offen. Sicher ist aber: Der Streit über ihre Preise dürfte Europa noch lange beschäftigen.
