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Im Interview zur neuen ZDF-Reihe "Die Maiwald": Doris Schretzmayer: "Den Begriff 'Powerfrau' mag ich nicht"

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Moderatorin, Schauspielerin und Mama eines inzwischen erwachsenen Sohnes: Der Terminkalender von Doris Schretzmayer ist immer voll. Wie ihr das alles gelingt und warum sie einen besonderen Bezug zu ihrer neuen Hauptrolle als Tierärztin in "Die Maiwald" hat, erklärt sie im Interview.

Mit der neuen ZDF-Serie "Die Maiwald" (zwei Folgen am Donnerstag, 26. März, und 2. April, jeweils um 20.15 Uhr) bringt Doris Schretzmayer, die vielen noch aus der ORF/SAT.1-Serie "Die Neue – Eine Frau mit Kaliber" (1998) bekannt sein dürfte, nicht nur eine Tierärztin auf den Bildschirm, sondern auch ein Stück ihrer eigenen Geschichte. Als Johanna Maiwald führt die gebürtige Österreicherin in der neuen Serie, die bereits ab Donnerstag, dem 5. März um 10.00 Uhr in der Mediathek verfügbar ist und auf dem Sendeplatz neben Formaten wie "Der Bergdoktor" bestehen soll, eine Praxis in den Bergen des Salzburger Landes. Dort behandelt Johanna tierische Notfälle und verliert dabei nie den Blick für die Menschen hinter den Diagnosen. Dass Schretzmayer selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, kommt ihr dabei zugute. Der Umgang mit Tieren, das frühe Aufstehen, das Zupacken – all das ist der 53-Jährigen vertraut. Diese Bodenständigkeit prägt auch ihre Interpretation der Rolle: unerschrocken und nahbar. Im Interview spricht die Schauspielerin über ihre eigene Realität als berufstätige Mutter in einer Branche, die Flexibilität fordert und Planung oft unmöglich macht. Sie spricht über die unterschwelligen Vorurteile gegenüber arbeitenden Müttern und darüber, warum sich gesellschaftliche Erwartungen hartnäckig halten.

teleschau: Arzt- und Medizinserien haben im Fernsehen Tradition. Warum brauchen wir Ihrer Meinung nach gerade jetzt neue Erzählungen aus diesem Bereich?

Doris Schretzmayer: Ob wir sie "brauchen", kann ich nicht sagen. Menschen im deutschsprachigen Raum lieben schöne Landschaften im TV und Geschichten rund um Krank- und Gesundwerden. Dieses Thema gehört einfach zum Leben. In unserem Fall sind die Kranken die Tiere, womit wahrscheinlich viele Menschen eine Verbindung haben, denn für Tierbesitzer und -besitzerinnen ist es beunruhigend, ein krankes Tier zu haben. Wie toll, wenn dann eine kompetente Ärztin zur Stelle ist, die das in den Griff bekommt! (Lacht). Meine Rolle Dr. Johanna Maiwald kümmert sich mit viel Hingabe und Selbstverständlichkeit um Tiere und auch gleich um die Besitzer, die ja oft co-krank sind. Die attraktive Landschaft von Maria Alm im Salzburger Land ist wie eine Mitspielerin, wie ein zusätzlicher Charakter im Ensemble.

teleschau: Die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist oftmals sehr innig.

Schretzmayer: Ja, in der ersten Geschichte geht es um einen alten Bauern mit gesundheitlichen Problemen, die auch den Umgang mit seinen Tieren erschweren. Sein Sohn kehrt aus dem Ausland zurück, um zu helfen. Das ist ein Thema, das viele Menschen berühren könnte, weil es um etwas zutiefst Menschliches geht: Eltern werden älter, schwächer, und man muss sich neu zueinander verhalten und Aufgaben anders verteilen.

"Ich bin privat vielleicht nicht ganz so unaufgeregt"

teleschau: Es scheint, als wären auch Sie davon betroffen ...

Schretzmayer: Natürlich, da bin ich jetzt im richtigen Alter (lacht). Wenn Eltern älter werden und mit Schwäche schlecht umgehen können, dann verdrehen sich die alten Rollen und es ist schmerzhaft und ungewohnt für alle, vor allem wenn man Fragilität seinen Liebsten nicht zeigen oder zumuten will. Das sind einschneidende Prozesse im Leben jedes Menschen, der alternde Eltern hat: Wie geht man als Kind mit dieser Hilflosigkeit oder Wut um? Mein Vater ist letztes Jahr gestorben und wie schwer er sich getan hat, das Leben gehen zu lassen, hat mich sehr berührt und beschäftigt.

teleschau: Über die Überlastung des humanmedizinischen Gesundheitssystems wird viel berichtet. Dass es bei Tierärzten ähnlich aussieht, ist nicht allen bewusst. Wie will die Serie den Blick dahingehend schärfen?

Schretzmayer: Unsere Filme spiegeln eine Wirklichkeit wider, ohne dass wir auf die Härte dieser Realität fokussieren, wir bieten Unterhaltung. Johanna ist chronisch überlastet, wie viele Tierärzte im echten Leben auch. Eine weitere Tierarztpraxis im Ort wurde geschlossen, jetzt betreut sie alleine alle Höfe und Kleintiere im Umkreis von 50 Kilometern. Sie lebt bewusst allein, nach gescheiterten Beziehungen – so schafft sie ihr Pensum besser, denkt sie zumindest. Das steht für unsere Zeit: Viele glauben, allein geht's leichter. Johanna hat jedoch einen klaren inneren Kompass und hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf.

teleschau: Teilen Sie diese Einstellung mit Ihrer Rolle?

Schretzmayer: Mit größerer Lebenserfahrung hört man auf, sich immer wieder an denselben Dingen aufzureiben, es ist einfach unökonomisch. Ich habe in meinem Leben natürlich auch einiges sortieren müssen, immer wieder. Und das ist auch schön an Johanna: Wenn ihr etwas zu blöd ist, dreht sie sich um und geht oder sie lässt Dummheiten einfach an sich vorbeiziehen. Ich bin privat vielleicht nicht ganz so unaufgeregt und pragmatisch wie Johanna (lacht). Aber ihre innere Aufrichtung, Klarheit und die Liebe zu ihrem Beruf haben mir von Anfang an sehr gefallen. Das kenne ich auch von mir, und das konnte ich in einer abgewandelten Art der Figur gut zur Verfügung stellen. Anders als im Krimi, wo oft Schmerz und Abgründe im Zentrum stehen, rücken hier bestimmte Werte in den Vordergrund.

"Für mich ist jede Frau stark"

teleschau: Sehen Sie "Die Maiwald" eher als klassische Unterhaltungsserie oder auch als gesellschaftlichen Spiegel?

Schretzmayer: Das ist ganz klar Unterhaltung, bei der realistische Themen aufbereitet werden – natürlich dem Format entsprechend leicht und nicht zu tragisch. Im ersten Film sieht man, wie Johanna alles abarbeitet, fokussiert bleibt und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt – aber an ihr Limit kommt. Also entscheidet sie sich erstmals, Unterstützung anzunehmen, obwohl niemand im veterinärmedizinischen Bereich aufs Land will. Dass sie Hilfe annimmt, ist ein großer Schritt. Gerade Frauen sagen oft: "Geht schon, mach' ich schon", und merken nicht, dass es längst zu viel ist.

teleschau: Sind Sie als berufstätige Mutter nicht auch das, was viele eine "starke Frau" nennen würden?

Schretzmayer: Ich würde gar nicht von einer "starken Frau" sprechen, denn für mich ist jede Frau stark. Auch den Begriff "Powerfrau" mag ich nicht, denn er zeigt, dass wir Frauen erst ab einem enormen Pensum von Arbeit und Erfolg dieses Etikett erhalten. Wie wäre es denn, wenn es reichen würde "Frau" zu sein, ohne Superlativ drumherum? Ich kenne so viele Frauen, die enorm viel stemmen und bewältigen, ohne jemals Powerfrau genannt zu werden, einfach weil ihre Mühe und Arbeit nicht in der Öffentlichkeit sichtbar sind. Und alle diese Frauen haben Stärken und Schwächen, und das ist in Ordnung. Für mich sind Verletzlichkeit und Empathie mit die schönsten Eigenschaften eines Menschen und nicht unbedingt das, was man gemeinhin als "stark" bezeichnet. Aber jeder und jede, der seine und ihre Schwäche zulässt, ist ein Segen in einer Welt, in der es so viel falsche Stärke gibt. Meine Rolle Johanna ist eine interessante Figur, weil sie einen inneren Anker hat. Mit Anfang 50 weiß sie, worüber sie sich nicht mehr aufregt, wo sie geduldig ist und wo sie einfach die Tür zumacht – um sie an einer anderen Stelle wieder aufzumachen. Sie muss nicht über Empowerment sprechen, weil sie ihre eigene Power längst kennt und lebt, ohne das vor sich herzutragen.

"Insgesamt wird sowieso immer über Frauen geurteilt"

teleschau: Wie war es für Sie, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen?

Schretzmayer: Dieser Hut kann gar nicht groß genug sein. Wenn ich es mir recht überlege, dann gibt es diesen Hut doch gar nicht. Wie soll er denn bitte aussehen? Ich habe nie alles unter einen Hut gebracht, da bin ich ehrlich. Das Leben ist chaotisch und unvorhersehbar und man braucht ein großes Herz viel mehr als einen großen Hut.

teleschau: Womit hatten Sie konkret zu kämpfen?

Schretzmayer: Mit allen möglichen Vorstellungen und Bildern im Kopf, meinen eigenen und den von anderen. Ich habe schon in den ersten Monaten mit meinem Kind gemerkt, dass ich gern so viel Zeit wie möglich mit ihm verbringen möchte und hatte wenig Interesse an meinem fordernden Beruf, der ja immer 150 Prozent braucht, die ich aber gerne für mein neues Familienglück haben wollte. Dann kamen aus meinem Umfeld spitze Bemerkungen wie: "Ach so, du arbeitest noch nicht?" Aber ich dachte: Wenn ich 80 werde und zwei oder drei Jahre davon ganz für mein Kind da bin – was ist daran falsch? Mittlerweile ist es Luxus, denn man muss sich das ja auch leisten können, nicht arbeiten zu gehen. Ich hatte immer wieder ein schlechtes Gewissen meinem Beruf und der Branche gegenüber, obwohl ich so gern Vollzeitmami gewesen bin. Und dann kam die Freude am Spielen vor der Kamera und auf der Bühne ganz selbstverständlich zurück, als mein Sohn etwas größer war. Insgesamt wird sowieso immer über Frauen geurteilt, "zu viel beim Kind, zu wenig beim Kind, gar kein Kind, warum nur ein Kind etc. etc..." (lacht). Jede Frau hat diese Stimmen auch in ihrem eigenen Kopf. Irgendwann setzte ich mich hin und schrieb alles auf, was sich in meinem Kopf abgespielt hat – ein Gruselkabinett! Herrlich, das zu erkennen.

"Man kann den Selbstwert gar nicht erhöhen"

teleschau: Viele Frauen haben das Gefühl, dass sie, egal welchen Weg sie wählen, es nie richtig machen können.

Schretzmayer: Ja genau, weil es so viele kritische Stimmen gibt, rundherum und in einem selbst. Dem setze ich etwas entgegen, indem ich sage: "Ich weiß nicht, ob ich es richtig mache. Ich treffe eine Entscheidung und später wird man sehen, ob und wofür sie gut war." Ich möchte nicht bewertet werden und versuche, andere so wenig wie möglich zu bewerten, denn man sieht immer nur einen kleinen Ausschnitt von der Last des Anderen.

teleschau: Wie gelingt es Ihnen, sich von äußeren Zuschreibungen zu distanzieren und sich abzukapseln?

Schretzmayer: Ich möchte mich gar nicht abkapseln, denn ich glaube, dass das Leben in einer Kapsel fad ist (lacht). Ich denke, Dinge durchzulassen wird immer wichtiger. Bewertungen oder andere Meinungen nicht persönlich zu nehmen, sondern zu sehen, dass diese viel mehr mit dem anderen als mit einem selbst zu tun haben. Das ist sehr befreiend. Und es wird momentan auch viel über Selbstwert gesprochen und wie wichtig es ist, ihn zu vergrößern: Meiner Meinung nach ist das ein Irrtum, denn man kann den Selbstwert gar nicht erhöhen, der ist immer gleich hoch, egal was passiert. Wir werden damit geboren und müssen ihn "nur" annehmen – gar nicht so leicht, ich weiß. Und jeder Mensch hat denselben Wert, der eben nicht aufgestockt werden kann, weder durch Status, Erfolg oder Geld.

teleschau: Frau Schretzmayer, Sie wurden in einer Umfrage der Zeitschrift "Wiener" einst als die erotischste Stimme Österreichs bezeichnet. Was löst so eine Zuschreibung bei Ihnen aus?

Schretzmayer: Da war ich Anfang 20 und habe beim Radio gearbeitet, aber schon mit 16 oder 17 habe ich oft zu hören bekommen: "Du hast so eine sexy Stimme." Als sehr junge Frau hat mich diese Aussage ehrlich gesagt befremdet, aber nach und nach merkte ich: Damit kann ich experimentieren und spielen, meine Stimme ist ein Potenzial, das ich entwickeln und einsetzen kann. Ich begriff auch früh, dass als Schauspielerin die Stimme mein Instrument ist, das ich gut pflegen möchte. Mittlerweile bekomme ich meist die Rückmeldung, dass meine Stimme so entspannend wirkt. Das ist doch ein guter Weg, oder? Von "erotisch" vor mehr als 30 Jahren zu "beruhigend". (lacht)