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Darum holen die Grünen in Baden-Württemberg jetzt auf

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Auf den letzten Metern ein Kopf-an-Kopf-Rennen um das Erbe Kretschmanns: Die Grünen sind plötzlich fast auf Augenhöhe mit der CDU. Wie kann das sein? Und was hat das mit dem "Rehaugen"-Video zu tun? Es sind ein paar Zahlen, die den bisher eher langweiligen Wahlkampf in Baden-Württemberg komplett auf den Kopf stellen - und ordentlich anfeuern: Die Grünen von Cem Özdemir , über viele Monate in Umfragen weit abgeschlagen hinter der eigentlich siegessicheren CDU , liegen plötzlich fast gleichauf mit den Konservativen. Was passiert gerade im Ländle? Der Umfrage-Hammer Der Vorsprung der CDU im Südwesten war zwar über die vergangenen Monate immer weiter geschmolzen, galt aber zehn Tage vor der Wahl weiterhin als kaum einzuholen. Dann veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap am Donnerstag für die ARD Zahlen, die es in sich haben: Die Grünen liegen plötzlich bei 27 Prozent – nur einen Prozentpunkt hinter der CDU, bei einer Fehlertoleranz von zwei bis drei Punkten. Ende Januar lag der Abstand noch bei sechs, im Oktober noch bei neun Punkten. Im Oktober 2024 lag er bei 16 Punkten. Für die repräsentative Umfrage wurden 1.530 Wahlberechtigte in Baden-Württemberg zwischen dem 23. und 25. Februar befragt. Dabei ist es nicht so, dass die CDU in der neuen Umfrage viel schlechter dasteht. Auch wenn die Wahlkämpfer im Südwesten von der Bundespartei in den vergangenen Wochen eher Gegen- als Rückenwind erhielten: Die CDU hat nur einen Prozentpunkt eingebüßt. Die Grünen hingegen haben einfach deutlich zugelegt. "Das ist schon ungewöhnlich", sagt Joachim Behnke, Politikwissenschaftler an der Zeppelin Uni in Friedrichshafen zu dem Vier-Prozentpunkte-Sprung binnen weniger Wochen. Nun scheint das Rennen komplett offen. Der Köpfe-Faktor Sein Kollege Ulrich Eith, Politikwissenschaftler an der Uni Freiburg, erklärt sich die grüne Aufholjagd mit der zunehmenden Bedeutung der Persönlichkeitswerte der Spitzenkandidaten - bei denen liegt der frühere Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir schon seit Beginn des Wahlkampfs klar vorn. "Das muss so sein, dass der Persönlichkeitsfaktor zunehmend eine Rolle spielt", sagte er. "Anders ist das nicht erklärbar." Die Grünen hätten ja nichts an ihrem Programm geändert. Als Partei präferierten viele Baden-Württemberger die CDU, aber als Ministerpräsident hätten die Menschen lieber Özdemir als den noch relativ unbekannten CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel. Das belegt auch die Umfrage: Wenn die Baden-Württemberger den Regierungschef direkt wählen könnten, würden sich derzeit 42 Prozent für Özdemir entscheiden, nur 21 Prozent für Hagel. "Die Personalisierung des Wahlkampfs ist unglaublich stark", meint auch Politologe Behnke. "Es geht immer mehr um Köpfe - und Özdemir ist der populärste Kandidat." Der habe sich im Wahlkampf extrem von seiner Partei abgegrenzt. "Die Grünen kommen nicht mal auf dem Plakat vor. Das ist ganz auf die Person zugeschnitten - und das scheint sich gelohnt zu haben." Das Hagel-Video Liegt die Aufholjagd auch an Sprüchen über eine Schülerin mit "rehbraunen Augen"? Mitten in der heißen Phase des Wahlkampfs postet eine grüne Bundestagsabgeordnete einen acht Jahre alten Clip in den sozialen Netzwerken, der CDU-Frontmann Hagel in einer Ulmer Gaststätte bei einem Interview zeigt, damals 29 Jahre alt und Landtagsabgeordneter. Hagel berichtet in der Szene von einem Schulbesuch. In der Klasse hätten damals 80 Prozent Mädchen gesessen. "Also da gibt"s für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen", sagt Hagel. Dann geht er auf eine Schülerin ein: "Ich werd"s nie vergessen, die erste Frage, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen." Diese Sätze sorgen nun für Wirbel - und heftige Kritik. "Der Einstieg für dieses Interview 2018 war Mist", räumte Hagel kürzlich ein. Die Umfrage wurde genau in dem Zeitraum erhoben, in dem die Debatte hochkochte. Inwieweit sie sich in den Prozentwerten niederschlägt, ist unklar. Vielleicht kostet sie Hagel aber auch in den nächsten Tagen noch Zustimmung. "Selbst wenn es nicht als schwerwiegender Makel empfunden wird: Es bleibt immer etwas hängen", sagt Politologe Behnke. Die Video-Sache könne die Grünen mobilisieren. "Das kann schon schaden", findet auch Eith. Trotzdem: CDU-Stammwähler seien eher fortgeschrittenen Alters und nicht auf diesen Plattformen unterwegs, die würden das nicht so stark wahrnehmen. Strategisches Wahlverhalten Experten halten auch strategisches Verhalten linksgerichteter Wähler für eine mögliche Erklärung des grünen Aufwinds in den Umfragen. Denn die Linke hat verloren und muss mit 5,5 Prozent um den sicher geglaubten Einzug in den Landtag bangen. Die SPD kommt auf nur noch 7 Prozent und verliert damit erneut einen Prozentpunkt. Einzige realistische Regierungsoption bleibt aktuell eine Koalition aus Grünen und CDU, wie derzeit unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), der nicht mehr antritt. Wenn CDU und Grüne fast gleichauf liegen, stellt sich die Machtfrage neu: Wer führt mögliche Gespräche? Wer hat Anspruch auf das Ministerpräsidentenamt? Wer für Sozialdemokraten oder Linke stimmt, läuft Gefahr, seine Stimme einer künftigen Oppositionskraft oder bestenfalls einem Juniorpartner in einer Regierung zu geben. Eine grün geführte Regierung sei aus Sicht mancher SPD-Anhänger immer noch besser als eine CDU-geführte, meint Behnke. Der Motivationsfaktor Klar ist: Umfragen sind keine Wahlen. Die Fehlertoleranz ist hoch, solche Erhebungen sind immer mit Unsicherheiten behaftet. Nachlassende Parteibindungen und immer kurzfristigere Wahlentscheidungen erschweren den Meinungsforschungsinstituten die Gewichtung der Daten. Auch Behnke sieht Umfragen mit Skepsis. Aber allein die Veröffentlichung der neuen Zahlen werde eine Wirkung entfalten, meint er. "Das mobilisiert die linke Seite besonders stark", sagt er. "Aber es kann auch der CDU nochmal Aufwind geben." Das Kopf-an-Kopf-Rennen macht den Wahlkampf auf den letzten Metern nicht nur spannender - so ein offenes Rennen sei auch gut für die Demokratie, meinen die Experten. "Das motiviert die Leute, zur Wahl zu gehen", sagt Eith - auf beiden Seiten. Ein Viertel der Wähler sei zudem noch unentschlossen. Es bleibt spannend bis zum 8. März.