Landtagswahl Baden-Württemberg: Was man nach dem TV-Triell wissen muss
Hunderttausende Menschen dürften die Debatte zur Landtagswahl im SWR verfolgt haben. Wer konnte glänzen, wer nicht? Mit diesen sechs Beobachtungen kann man in der Büroküche mitreden.
90 Minuten, drei Kandidaten, drei Buzzer: Das TV-Triell im SWR war einer der Höhepunkte im bisherigen Wahlkampf. Cem Özdemir (Grüne), Manuel Hagel (CDU) und Markus Frohnmaier (AfD) kämpften um die Gunst der Wähler. Aber was bleibt hängen von dem Live-Event? Die wichtigsten Erkenntnisse:
Özdemir umgarnt die CDU
Mit Spannung wurde erwartet, ob der begnadete Rhetoriker Özdemir (60) die Bühne zur Attacke nutzt. Er hätte CDU-Mann Hagel (37) in die Ecke drängen können. Doch das Gegenteil ist an diesem Abend der Fall: Özdemir umarmt seinen konservativen Kontrahenten regelrecht, spricht gleich zu Beginn davon, in Wir-Form, dass man anständig miteinander umgehe, um sich nach der Wahl nicht entschuldigen zu müssen.
Sogar Koalitionsgespräche erwähnt er schon. Denn: Die wahrscheinlichste Regierungskonstellation nach der Landtagswahl am 8. März und dem Abgang des scheidenden Parteikollegen Winfried Kretschmann als Ministerpräsident ist Umfragen zufolge ein schwarz-grünes Bündnis.
Am Ende darf Özdemir eine Frage stellen, es klingt fast wie eine Liebeserklärung an Hagel: "Wir haben zehn Jahre gemeinsam dieses Land gut regiert, in guten wie in schlechten Tagen unter grüner Führung. Ich wüsste gerne von Ihnen: Was schätzen Sie an meiner Partei, an den Grünen in Baden-Württemberg?" Hagel ist nicht ganz so auf Kuschelkurs, muss aber einräumen, dass die Grünen einen Anteil gehabt hätten an der verlässlichen Regierung.
Der Freiburger Politikforscher Michael Wehner sagt, er habe Özdemir in dem Triell als fast schon zu defensiv wahrgenommen. "Er wollte natürlich die Rolle des über den Wolken schwebenden Staatsmanns bedienen, der sich zurückhaltend nicht in die Parteiniederungen und das Gezänk der anderen herunterbegibt", sagt Wehner. Allerdings hätte Özdemir beim derzeitigen Umfragestand aus seiner Sicht eher die Unterschiede zu Hagel herausstreichen müssen.
Gemeinsame Front gegen die AfD
Özdemir und Hagel gehen miteinander handzahm um, kritische Sätze sind kaum zu hören. Dafür attackieren sie umso häufiger den AfD-Mann Frohnmaier. Was Gegner des Formats im Vorfeld befürchtet hatten, tritt auch ein wenig ein: Der Abwehrkampf gegenüber der AfD nimmt viel Raum ein. Immer wieder bilden der Grüne und der Christdemokrat eine Front gegen Frohnmaier. "An uns werden Sie sich die Zähne ausbeißen", sagt etwa Hagel. "Wir werden unser Land und die Menschen in unserem Land vor Ihnen beschützen." Özdemir spricht auch Hagel an, wenn er von anständigem Umgang im Wahlkampf redet, um "radikale Kräfte" nicht zu stärken.
Damit hätten Özdemir und Hagel aber auch genau das Bild bedient, dass die AfD immer versuche zu zeichnen, findet Politikforscher Wehner. "Wir gegen die. Das sind die beiden, die zur Politikelite gehören."
Spruch über Mädchen sorgt für Wirbel
Kurz vor dem Triell sorgte ein Interview aus dem Jahr 2018 für Wirbel. Hagel spricht in dem von einer Grünen-Politikerin geposteten Video-Clip von einem Besuch an einer Realschule in seinem Wahlkreis. In der Klasse hätten damals 80 Prozent Mädchen gesessen, berichtete Hagel. "Also da gibt’s für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen." Dann geht er noch auf eine Schülerin näher ein, die die erste Frage gestellt habe: "Ich werd’s nie vergessen, die erste Frage, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen."
Hagel hatte schon vor dem TV-Event eingeräumt: "Der Einstieg für dieses Interview 2018 war Mist." Und: "Meine Frau hat mir damals direkt den Kopf gewaschen." Frohnmaier bringt das Thema am Ende der Sendung auf - und fragt Özdemir, ob der sich weiter eine Zusammenarbeit mit der CDU vorstellen könne. Özdemir nimmt den Christdemokraten in Schutz: "Ich bin mir sicher, Herr Hagel würde das heute nicht mehr so formulieren."
Frohnmaier gibt sich sachlich
Frohnmaier gilt eigentlich als einer der einflussreichsten Vertreter des rechten Flügels seiner Partei. Er ist Mitbegründer der mittlerweile aufgelösten AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative. Davon ist am Abend wenig zu merken. Er kontert sachlich und bleibt stets ruhig.
Seine Hauptbotschaft: Beide Gegenüber seien jahrelang an der Macht gewesen und hätten alles, was sie jetzt versprechen, bereits umsetzen können. Immer wieder weist er darauf hin. "Die Probleme hier in Baden-Württemberg sind hausgemacht", sagt Frohnmaier. Die CDU etwa habe im Land seit zehn Jahren die Kontrolle über das Wirtschaftsministerium. Auch scharfe Angriffe pariert er, ohne aus der Haut zu fahren.
Aus Sicht von Politikforscher Wehner hat der AfD-Frontmann mit dieser Strategie seine Chance genutzt, sich auf Augenhöhe mit den anderen beiden Kandidaten zu präsentieren. "Frohnmaier konnte sich inszenieren als sich kühl gebender, argumentativ abwägender Kandidat, während die anderen eben sehr emotional gegen die AfD geschossen haben", sagt der Politikwissenschaftler.
Kein richtiger Gewinner
In den 90 Minuten leistet sich niemand eine richtige Panne. Özdemir bleibt für seine Verhältnisse - und Fähigkeiten - relativ blass und zurückhaltend. Als die Moderatoren ihn darauf hinweisen, dass er noch Redezeit hat, lehnt er es sogar ab, nochmal das Wort zu ergreifen. Hagel wiederum wirkt zu Beginn etwas hölzern und verliert sich in technischen Details, gewinnt dann aber an Format. Und Frohnmaier bekommt am Vorabend seines 35. Geburtstags eine Bühne, um sich als vernünftiger Konservativer zu geben. Dass er eine Partei vertritt, die in Baden-Württemberg vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wird, gerät zumindest an diesem Abend in den Hintergrund.
Fazit: Alle drei Kandidaten tragen ihre Argumente recht souverän vor. Keiner gerät bei einer Frage ins Schwimmen, niemand fabuliert nur mit Worthülsen. Alle drei geben Persönliches preis und betonen gleichermaßen, die Probleme der Menschen zu sehen, zu verstehen und lösen zu wollen. Das dürfte die Wahlentscheidung für manchen Zuschauer nicht einfacher machen.
Proteste vor der Sendung - und vor der Tür
Bei der SWR-Sendung handelte es sich um das einzige direkte Aufeinandertreffen zwischen Hagel, Özdemir und Frohnmaier in dieser Konstellation. An dem Format hatte es zuvor viel Kritik gegeben. Dutzende Demonstranten protestierten vor dem Aufzeichnungsort gegen die AfD. Man dürfe nicht einem "Antidemokraten, der den Sender am liebsten abschaffen würde, unreflektiert eine Bühne bieten", sagte ein Organisator der Demonstration.
Auch Ministerpräsident Kretschmann hatte die Einladung des AfD-Politikers kritisiert. Der Sender argumentierte hingegen mit den starken Umfragewerten der Partei. Zuvor hatte es um das Format der Sendung auch Gerichtsverfahren gegeben. Die Südwest-FDP hatte versucht, sich in die Gesprächsrunde einzuklagen - ohne Erfolg.
