Elon Musk, Jeff Bezos und Co.: Ökonom Zucman fordert Reichensteuer
Bei Milliardären ist Gabriel Zucman nicht sonderlich beliebt, denn der Ökonom tritt vehement für eine Reichensteuer ein. Wie das gelingen soll, erklärt Zucman im Interview. Die Zahl der Superreichen wächst, die soziale Ungleichheit nimmt zu. Das liegt auch daran, dass die reichsten Menschen viel zu wenig Steuern zahlen. Diesen Vorwurf erhebt Gabriel Zucman, der zu den bekanntesten Ökonomen der Welt gehört. Die Steuervermeidung der Superreichen, so Zucman, ist nicht nur ein finanzielles Problem der Staaten, es kann auch zur Bedrohung der Demokratie führen. Wie kann eine Reichensteuer das Problem lösen? Wie realistisch ist die Einführung einer solchen Steuer? Und wie schaffte es ein Multimilliardär wie Jeff Bezos einst, staatliche Familienhilfe zu beziehen? Die Fragen beantwortet Gabriel Zucman, Autor des Buches "Reichensteuer" im Gespräch. t-online: Professor Zucman, wohl niemand zahlt leidenschaftlich gerne Steuern, aber ausgerechnet die Superreichen tun dies offensichtlich besonders ungern. Woran liegt das? Gabriel Zucman: Tatsächlich glaube ich nicht, dass die Menschen ungern Steuern zahlen. Mehr als alles andere ermöglichen Steuern unseren gemeinsamen Wohlstand. Ohne enorme öffentliche Investitionen in Bildung, Gesundheitswesen und Infrastruktur wäre unser Lebensstandard in den vergangenen 100 Jahren niemals so gewachsen. Steuern werden auch unseren zukünftigen Wohlstand ermöglichen. Dann sind da allerdings noch die Superreichen – sie müssen endlich mehr Steuern zahlen. Warum zahlen Superreiche überhaupt so wenige Steuern? Die einfache Antwort lautet: Weil wir sie lassen. Ich mache den Milliardären auch überhaupt keinen Vorwurf, wir sind selbst schuld. Die Superreichen profitieren enorm von den öffentlichen Ausgaben und Investitionen, die unsere Steuern ermöglichen. Sie selbst tragen aber kaum etwas dazu bei. Ihnen gefällt die Idee, vom System zu profitieren, ohne sich selbst daran zu beteiligen. Das muss sich schleunigst ändern. Bislang erlauben wir ihnen, außerhalb der gesellschaftlichen Solidarität zu leben. Das ist doch ziemlich unfair, oder? Jedenfalls für die Menschen, die sehr viele Steuern zahlen. Wie viel zahlen die Superreichen überhaupt? Das ist eine gute Frage. Lange Zeit war darüber verblüffend wenig bekannt, eine erste Studie konnte ich zusammen mit meinem Kollegen Emmanuel Saez für die USA durchführen. Anschließend haben viele Forscherteams in Frankreich , Brasilien , den Niederlanden, Italien , Schweden und Norwegen das Thema aufgegriffen. Das Ergebnis ist ernüchternd, um auf Ihre Frage zurückzukommen. Wie ernüchternd? Die Superreichen zahlen viel weniger Steuern als der Rest der Bevölkerung. Nehmen wir Frankreich als Beispiel: Der durchschnittliche Franzose zahlt rund 50 Prozent seines Einkommens an Steuern. Da ist alles mit drin, darunter Einkommensteuer und Umsatzsteuer. Milliardäre zahlen wiederum lediglich 25 Prozent ihres Einkommens an Steuern, ebenfalls alles eingeschlossen. Das liegt im Wesentlichen daran, dass fast der gesamte Betrag auf die Körperschaftsteuer zurückzuführen ist, die die Unternehmen, die ihnen gehören, zahlen. Und was zahlen die Milliardäre selbst? Das sind nur zwei Prozent ihres Einkommens an persönlichen Steuern. Persönlich tragen diese Superreichen also kaum zu unseren gemeinsamen Einnahmen bei. Dieses Muster beobachten wir in allen Ländern, die bisher untersucht wurden. Als wir das entdeckt haben, war das ein Schock für die Forschergemeinschaft: Denn viele von uns hatten schon länger das Gefühl, dass an der Spitze etwas nicht richtig funktioniert. Was ist mit Deutschland? Für Deutschland gibt es noch keine entsprechenden Forschungen, aber das wird kommen. Ich bin gespannt. Die USA gelten als das Land der Superreichen, immer wieder kam es zu Enthüllungen, wie wenig Steuern diese Leute zahlen. Jeff Bezos ist ein solcher Fall. Der Gründer von Amazon ist Multimilliardär, schaffte es aber immer wieder, so gut keine Einkommensteuer abführen zu müssen. Mehr noch: In einem Jahr bekam Bezos sogar Familienbeihilfe vom Staat. Das ist doch geradezu obszön. Wir Forscher haben mittlerweile gelernt, dass das Problem wirklich systemisch ist: Es geht weit über Jeff Bezos und Elon Musk hinaus, in Europa ist es sogar noch schlimmer als in den USA. Wie schaffen es die Superreichen aber, ihr Geld vor der Steuer zu bewahren? Superreiche nutzen systematisch Holdinggesellschaften, das ist ihre Superwaffe und ein beliebtes Instrument. Damit schützen sie ihr Einkommen vor der persönlichen Einkommensteuer. Ihre Haupteinkommensquelle sind dabei Dividenden. Diese Form der Steuervermeidung wird wiederum nicht durch ein Mehr an gezahlter Körperschaftsteuer ausgeglichen. Warum machen wir als Gesellschaft es den Superreichen so einfach? Ein Grund besteht in der großen Undurchsichtigkeit, die in dieser Frage herrscht. Es gibt keine offiziellen Regierungsstatistiken über das Vermögen der Superreichen, ihr Einkommen und die Steuern, die sie zahlen. Aufgrund dieser Undurchsichtigkeit hatten wir bis vor Kurzem einfach keine harten Beweise dafür, wie wenig sie zahlen. Deshalb denke ich, dass die verschiedenen Studien eine wichtige Rolle dabei spielen werden, Veränderungen anzustoßen. Die Intransparenz muss verschwinden. Welchen Grund gibt es noch? Die Superreichen lieben die aktuelle Situation aus verständlichen Gründen, sie verfügen auch über enormen Reichtum. Ihr Vermögen ist in den vergangenen 15 Jahren geradezu explodiert. Es war eine der auffälligsten Entwicklungen der Weltwirtschaft, wie schnell die Zahl der Milliardäre binnen kurzer Zeit angewachsen ist. Mit dem Anstieg ihres Vermögens hat ihre Macht stark zugenommen, insbesondere die Macht, die Medien zu besitzen und zu kontrollieren. Da offenbart sich auch die Gefahr, die diese enorme Konzentration von Reichtum mit sich bringt. Das ist extrem gefährlich, ja. Und es ist ungerecht, wenn so viele Menschen so viele Steuern und so wenige Menschen so wenige Steuern zahlen. Anfang des 20. Jahrhunderts kam es in den Vereinigten Staaten bereits zu einer massiven Konzentration von Reichtum. Der damalige US-Präsident Theodore Roosevelt dämmte diese Auswüchse des Kapitalismus ein. Brauchen wir eine Neuauflage dieser Politik? Wo Sie gerade diese Zeit ansprechen: Die Einführung der progressiven Einkommensteuer bedeutete Anfang des 20. Jahrhunderts einen ungeheuren demokratischen Fortschritt. Obwohl es auch damals diese Superreichen gab. Aber in der Tat: Diese Revolution ist unvollendet, weil die Milliardäre der Einkommensteuer praktisch nicht unterworfen sind. So kann das nicht weitergehen. Sie haben eine entsprechende Idee entwickelt: Superreiche sollen künftig zwei Prozent Steuern zahlen. Im Grunde ist es ein simpler Vorschlag: Wer extrem reich ist, muss jedes Jahr einen Mindeststeuerbetrag von zwei Prozent zahlen. Ausreden gibt es nicht, Ausnahmen auch nicht. Wichtig ist es aber, das Vermögen der Superreichen zu ermitteln. Einkommen sind leicht zu manipulieren, das Vermögen weit weniger. Ich ziele auf Menschen mit einem Vermögen von mehr als 100 Millionen Dollar beziehungsweise Euro ab. Wie kommen Sie auf zwei Prozent? Die Zahl ist nicht frei erfunden. Milliardäre haben einen durchschnittlichen Vermögensertrag von sechs Prozent. Eine Mindeststeuer von zwei Prozent des Vermögens würde diesen Ertrag um ein Drittel verringern, das entspräche im Durchschnitt einem Einkommensteuersatz von 33 Prozent. Mit der Körperschaftsteuer verrechnet, die Ultrareiche über ihnen gehörende Unternehmen leisten, kämen sie auf 50 bis 55 Prozent Abgabenquote. Das zahlen auch die Durchschnittsfranzosen, um auf unser Ursprungsbeispiel zurückzukommen. Es wäre somit ein großer Schritt hin zur steuerlichen Gleichbehandlung. Werden die Superreichen nicht ins Ausland Reißaus nehmen? Das lässt sich verhindern. Die USA besteuern Ihre Staatsbürger überall, egal, in welches Land sie irgendwann gezogen sind: Daran könnten sich weitere Staaten, darunter Deutschland, ein Beispiel nehmen. Es muss nicht so radikal sein wie das amerikanische Modell, es muss aber konsequent sein. Was ist mit den allseits beliebten Steueroasen? Die ganze Welt ist ein Steuerparadies für Milliardäre, aber das ist nicht gottgegeben. Ausgestattet mit politischem Willen können die Staaten für mehr Transparenz und Kooperation sorgen. Steueroasen können so eingedämmt werden, die Probleme früherer Vermögenssteuern ebenso vermieden werden. Da gab es alle möglichen Abzüge und Schlupflöcher. Ich sage: Die Reichen haben kein Recht, keine Steuern zu zahlen. Sie haben sich nicht nur Freunde mit Ihrer "Reichensteuer" gemacht. Bernard Arnault, schwerreicher Chef des französischen Luxuskonzerns LVMH, wirft Ihnen "linksradikalen Aktivismus" vor. Auch andere Ultrareiche dürften Ihre Pläne mit Argwohn betrachten. Sie fürchten sich richtig davor, ich sehe das als Bestätigung. Die Reichensteuer ist doch Teil einer breiteren Diskussion, die wir dringend führen müssen: Wir brauchen neue Institutionen und neue politische Maßnahmen, die es der liberalen Demokratie ermöglichen, sich im 21. Jahrhundert durchzusetzen und zu gedeihen. Betrachten wir doch die aktuellen mächtigen oligarchischen Strömungen, die ein Land wie die USA schnell überwältigen können. Auch in Europa müssen wir aufpassen. Bernard Arnault sieht in Ihren Plänen eine Gefährdung der französischen Wirtschaft. Was halten Sie davon? Das ist doch völlig absurd. Was soll daran schlecht sein, wenn der Staat mehr Geld für Bildung, Gesundheit, aber auch für Infrastruktur zur Verfügung hat? Oder nehmen wir die Superreichen, deren Vermögen in den letzten vier Jahrzehnten um zehn Prozent pro Jahr gewachsen ist: Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass sie aufhören würden zu arbeiten, wenn diese Quote nach Einführung der Reichensteuer in Höhe von zwei Prozent "nur noch" acht Prozent beträgt? Hat Ihre "Taxe Zucman" aber tatsächlich eine Chance auf Realisierung? Im Februar 2025 passierte sie die französische Nationalversammlung, um dann im Senat aufgehalten zu werden. Ich bin grundsätzlich optimistisch. Der Zeitpunkt ist aber noch vage. Nächstes Jahr finden in Frankreich Präsidentschaftswahlen statt, daher hängt es auch vom Ausgang dieser Wahlen ab. Aber es wird zunehmend schwerer, gegen diese Idee einer Reichensteuer zu sein. Denn es ist eine essenzielle Frage von Gleichheit und Gerechtigkeit. In Kalifornien steht voraussichtlich im Herbst eine Abstimmung über eine Reichensteuer an. Tatsächlich wird sich vieles verändern, wenn die Reichensteuer erst einmal an einem Ort Realität geworden ist. Das wird den Prozess zu ihrer weiteren Verbreitung beschleunigen. Denn die Menschen werden auch am Morgen nach Einführung der Reichensteuer feststellen, dass die Sonne weiter aufgeht – und die Milliardäre nicht verschwunden sind. Warum haben Sie den Kampf für Steuergerechtigkeit aufgenommen? Ich finde das Thema als Ökonom einfach faszinierend. Aber wie ein Sozialwissenschaftler sehe ich nicht nur die reinen Zahlen, sondern auch ihre Auswirkungen. Ich habe längere Zeit in den USA gelebt und sah die dramatische Zunahme der Ungleichheit. Das Land droht oligarchisch überwältigt zu werden. Das führte mich zu der Frage: Wie können wir diese Fehlentwicklungen beheben? Denn sie sind überaus gefährlich. Sind Sie optimistisch? Wir erleben gerade einen wichtigen Wendepunkt, unsere Gegenwart könnte zukünftig als der Beginn eines Umdenkens und der Entstehung einer internationalen Bewegung gelten. Das Vereinigte Königreich hat kürzlich sein Non-Dom-System abgeschafft, das im Prinzip eine jahrhundertealte Steuerbefreiung für wohlhabende Ausländer war. Beim G20-Gipfel in Brasilien 2024 stand die von mir vorgeschlagene Reichensteuer auf der Tagesordnung. Zohran Mamdani machte in New York Wahlkampf mit Themen, die Millionären nicht gefallen – und er gewann. Und wenn der Widerstand zu groß ist? Es könnte alles schiefgehen, es könnte alles scheitern. Aber mein Gefühl sagt mir, dass positive Veränderungen möglich sind. Wir leben in einer extrem gefährlichen Zeit, unsere Demokratie ist in Gefahr. Wir müssen sie verteidigen. Daran müssen sich auch die Superreichen beteiligen. Herr Zucman, vielen Dank für das Gespräch.
