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Vetternwirtschaft in der AfD: Affäre weitet sich auf Bundestag aus

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Offenbar systematisch stellt die AfD in Sachsen-Anhalt Angehörige ihrer Spitzenpolitiker an. Auch in anderen Ländern und im Bundestag bleibt mancher Job Familiensache. So arbeitet die Ehefrau des AfD-Spitzenkandidaten im Südwesten wie er im Bundestag. Zu Beginn des Superwahljahrs mit fünf Landtagswahlen erschüttert eine Vetternwirtschafts-Affäre die AfD : Spitzenpolitiker beschäftigen offenbar auf Kosten des Steuerzahlers Familienangehörige von Parteifreunden – in zum Teil hochdotierten Positionen im Bundestag, wie t-online und andere Medien aufdeckten. Im Zentrum der Vorwürfe stehen bislang der Landesverband Sachsen-Anhalt und sein Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, dessen Vater über eine solche Anstellung mehr als 90.000 Euro pro Jahr erhalten soll. "Viel größer als erwartet" Das ist rechtlich zulässig, aber mit einem "G'schmäckle" versehen, wie vor laufenden Kameras selbst AfD-Chef Tino Chrupalla am Montagabend in der ARD einräumte. Sympathisanten, Mitglieder und Funktionäre der Partei kritisieren ein "mafiöses System" und "Versorgungsnetzwerke". Hinter den Kulissen macht sich deswegen bei manchem an der Bundesspitze derzeit Panik breit. Und das wohl nicht zu Unrecht. "Die Mitglieder werden unruhig", war am Donnerstag aus der Führungsriege zu vernehmen. "Die merken, dass es viel größer ist als erwartet." Auffällig ist, auch ohne Verwandtschaftsverhältnisse zu berücksichtigen, dass AfD-Abgeordnete in Bund und Land deutlich mehr Mitarbeiter als die übrigen Fraktionen beschäftigen. Und damit nicht genug: Im Bundestag soll die Praxis, Angehörige von Parteifreunden zu beschäftigen, über die Landesgruppe Sachsen-Anhalt hinaus weit verbreitet sein. Sachsen-Anhalt: Wie die AfD ihre Familien mit Staatsgeldern versorgt Womöglich sei die Hälfte der 151 AfD-Bundestagsabgeordneten direkt oder indirekt betroffen, zitierte der "Stern" eine Schätzung aus dem Fraktionsvorstand. Nach Recherchen von t-online sind darunter der Spitzenkandidat für Baden-Württemberg, Markus Frohnmaier, und Parteichef Tino Chrupalla. "Nur die Spitze des Eisbergs" Für die AfD, die immer versprach, anders zu sein als andere Parteien und sich nicht zuletzt dem Kampf gegen vermeintlichen oder tatsächlichen "Filz" verschrieben hat, ist es ein besonderes Problem. Man mache sich "massive Sorgen", ist aus der Führungsriege des AfD-Bundesverbands zu vernehmen. Siegmund sei als Spitzenkandidat schon jetzt beschädigt. "Und ich fürchte, dass es nur die Spitze des Eisbergs ist." Hinweise darauf erreichen t-online aus Parteikreisen jedenfalls zahlreich und betreffen verschiedene im Bundestag vertretene Landesverbände, nicht nur den aus Sachsen-Anhalt. Der prominenteste Name dabei: Partei- und Fraktionschef Tino Chrupalla. Er beschäftigt seit fast zehn Jahren die Ehefrau seines Parteifreundes Roberto Kuhnert in seinem Wahlkreis in Sachsen. Der war jahrelang Sprecher von Chrupallas Kreisverband, 2019 errang er dann ein Landtagsmandat. Chrupalla räumte das am Donnerstag mit einem Post auf der Plattform X öffentlich ein, betonte aber, dass seine eigene Frau nirgendwo bei der AfD angestellt sei: "PS: Bei uns zu Hause sind wir uns einig, einer in der Politik ist genug ;)". Frohnmaiers Frau arbeitet im Bundestag Anders sieht das nach Recherchen von t-online bei Markus Frohnmaier aus. Er ist nach Siegmund damit der zweite AfD-Spitzenkandidat für eine Landtagswahl, der in die Affäre gerät. Er bewirbt sich für das Amt als künftiger Ministerpräsident von Baden-Württemberg und will die Partei dort zu einem Rekordergebnis führen. Außerdem ist er außenpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, AfD-Landesvorsitzender im Südwesten und steht AfD-Chefin Alice Weidel besonders nahe. Seine Ehefrau arbeitet nach Recherchen von t-online als Büroleiterin beim Bundestagsabgeordneten Johann Martel aus Baden-Württemberg. Weder Frohnmaier noch Martel nahmen auf Anfrage von t-online dazu Stellung. Früher arbeitete Frohnmaiers Partnerin als Journalistin bei der russischen regierungsnahen Zeitung "Iswestija". Mit dem AfD-Politiker verheiratet ist sie seit 2017. Martel zog erst 2025 über Platz 16 der gemeinsamen Landesliste erstmals in den Bundestag ein. Vor der Listenaufstellung hatten Kritiker des Landesvorstands, an dessen Spitze Frohnmaier steht, beklagt, der Landesverband werde "wie ein Gutshof" geführt . Mit Methoden, die gegen die Satzung verstießen, sollten Kritiker aus der Partei oder in die Bedeutungslosigkeit gedrängt werden. Unterstützer hingegen würden unabhängig von Leistung und Können protegiert. Solche Anstellungen sind im Abgeordnetengesetz nicht explizit geregelt. Zwar untersagt es, eigene Verwandte und Ehepartner zu beschäftigen. Die Angehörigen anderer Abgeordneter anzustellen, ist allerdings nicht verboten. Auch weitere Fälle dürften auf das von Chrupalla angeführte G'schmäckle begrenzt sein. Frohnmaiers Stellvertreter in Baden-Württemberg, der Bundestagsabgeordnete und baupolitische Sprecher der Fraktion Marc Bernhard, beschäftigt den Sohn der EU-Abgeordneten Anja Arndt, wie er auf Anfrage bestätigte. Die Ehefrau des sächsischen Bundestagsabgeordneten Matthias Moosdorf arbeitet seit mehreren Jahren für die AfD-Fraktion im Bundestag – auch schon als er selbst noch kein Mandat hatte. AfD verteidigt sich mit Mitarbeitermangel Die Bundestagsfraktion ging offenbar aufgrund mehrerer Medienanfragen bereits am Mittwoch in die Offensive. Ihr Parlamentarischer Geschäftsführer Bernd Baumann wies das Problem nicht von sich. Die AfD habe vielmehr Probleme, Personal zu finden, "weil das Klima vergiftet ist", sagte Baumann "Welt TV". Bewerber hätten Angst, die AfD als Station in ihren Lebenslauf zu schreiben. Sachsen-Anhalts Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hatte zuvor ähnlich argumentiert. Von 200 möglichen Stellen "konnten wir 71 nicht besetzen", behauptete Baumann weiter. Es könne deswegen sein, dass der ein oder andere auf vertrauenswürdige Familienmitglieder zurückgegriffen habe. Das sei in Ordnung, rechtmäßig – und "nicht so schlimm wie bei der CSU 2013", wo fast 80 Landtagsabgeordnete Verwandte eingestellt hatten. Die Affäre resultierte damals unter anderem im Rücktritt des CSU-Fraktionschefs. t-online allerdings liegen Zahlen vor, die Baumanns und Siegmunds Argumentation in Zweifel ziehen. Sie erwecken nicht den Eindruck, dass es der nach eigenen Angaben 70.000 Mitglieder starken Partei in Land und Bund an Personal mangelt – im Gegenteil. Mehr Mitarbeiter als jede andere Partei Im Bundestag beschäftigte die AfD-Fraktion in der vergangenen Wahlperiode bei 76 Abgeordneten insgesamt 144 Mitarbeiter. Das waren mehr als die da noch mit 90 Abgeordneten deutlich stärkere FDP-Fraktion, die nur auf 112 Stellen kam, und im Verhältnis auch mehr als die damals stärksten Fraktionen der SPD und Union. Auch bei den Mitarbeitern, die für die Abgeordnetenbüros arbeiten, geht es bei der AfD nach neuesten Zahlen am betriebsamsten zu: Für das Budget von bis zu 26.650 Euro setzen die 151 AfD-Politiker im Schnitt 8,9 Mitarbeiter ein. Sie ziehen damit den Durchschnitt aller Mitglieder des Bundestags (7,7) nach oben. In Sachsen-Anhalt ist die Diskrepanz noch gravierender: Laut Angaben der Landtagsverwaltung beschäftigten die 23 Landtagsabgeordneten der dortigen AfD-Fraktion Stand Dezember 2025 insgesamt 162 Mitarbeiter. Zum Vergleich: Bei der mit 40 Abgeordneten fast doppelt so großen CDU-Fraktion arbeiten lediglich 125. Im Durchschnitt sind bei den Abgeordneten aller anderen Fraktionen nicht einmal drei Mitarbeiter angestellt – bei der AfD sind es im Schnitt sieben. Das bedeutet nicht, dass die AfD-Parlamentarier mehr Geld ausgeben, sondern dass sie es auf mehr Mitarbeiter verteilen. In Sachsen-Anhalt kann jeder Abgeordnete aus seiner Kostenpauschale 5.490,47 Euro brutto für Stellen verplanen. Ein AfD-Abgeordneter verteilt den Zuschuss auf 16 Mitarbeiter – und in anderen Fraktionen ist das Rätselraten groß, wie bei massenhaft Mini-Jobbern dort die Arbeitsaufteilung aussehen soll. In der AfD selbst gibt es Stimmen, dass es manchen darum gehe, möglichst vielen Unterstützern Geld zukommen zu lassen, um sich in parteiinternen Abstimmungen Mehrheiten zu sichern. Sachsen-Anhalt schwenkt um In Sachsen-Anhalt setzt der Landesvorstand aufgrund der zahlreichen bekannt gewordenen Beschäftigungen von Familienangehörigen seiner Spitzenpolitiker im Bundestag nun offenbar auf einen Strategiewechsel: Bisher machte man sich über die Vorwürfe, die aus den eigenen Reihen kommen, eher lustig, spielte sie runter, stellte sie als Kampagne der Presse und des Verfassungsschutzes dar. Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zerknüllte noch vor Kurzem eine Presseanfrage des ZDF vor laufender Kamera. Am Mittwoch nun schickte der Landesvorstand eine lange Email an seine Mitglieder. Sie liegt t-online vor. Darin betont die Landesspitze zwar erneut, dass das Vorgehen aller Abgeordneten legal sei und es sich um eine Schmutzkampagne handele. Siegmunds Vater sei Diplom-Ingenieur und engagiere sich seit 2015 aufopferungsvoll für seine Arbeitgeber und die AfD. Sein aktuelles Gehalt liege "signifikant unter der in der Presse genannten Höhe". Es werde womöglich "bewusst mit veralteten Zahlen gearbeitet, um Ulrich Siegmund zu beschädigen". Erstmals aber teilt man auch mit, sich selbst bewegen zu wollen: Der Landesvorstand werde "eine Kommission für Verhalten im parlamentarischen Betrieb" ins Leben rufen. Die solle sich "mit der Frage der Anstellungsverhältnisse befassen", eine Verhaltensrichtlinie sowie einen Vorschlag für eine Reform des Abgeordnetengesetzes erarbeiten. Bernard Baumann kündigte für die Bundestagsfraktion ebenfalls an, den Medienberichten nachgehen zu wollen: "Wir gucken das nach, wir prüfen das nach."