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Январь
2026

Eon-Manager Martin Endress: "Unsere Wettbewerber machen es sich einfach"

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Seit Oktober gibt es ein neues Gesicht in der Eon-Führungsetage. In seinem ersten Interview spricht Martin Endress mit t-online über die riesigen Herausforderungen für den Konzern. Energiekrise, Anschläge auf kritische Infrastruktur, Debatte um die Energiewende: Die Energiewelt ist in großer Bewegung. Entsprechend hoch ist der Druck auf den größten Stromanbieter Deutschlands. Eon versorgt nach eigenen Angaben 12 Millionen Stromkunden und zwei Millionen Gaskunden mit Energie. Im Oktober 2025 hat der Vertrieb einen neuen Chef bekommen: Martin Endress. Er soll die Transformation begleiten und neue Produkte für die Zukunft entwickeln. Teilzeit-Debatte : Wirtschaftsboss stellt sich gegen CDU-Vorstoß Hohe Strompreise : Was dürfen Stadtwerke mit dem Geld machen? In seinem ersten Interview in der neuen Funktion spricht Endress mit t-online über die Entwicklung der Strom- und Gaspreise und erklärt, warum aus seiner Sicht die Grundversorger höhere Preise verlangen als andere Stromanbieter. Und er erläutert, warum Eon keine Angst vor dem Ende der Gasversorgung hat. t-online: Herr Endress, vor einigen Wochen hat es in Berlin einen riesigen Stromausfall gegeben. Das hat auch die Bundespolitik aufgerüttelt. Welche Schlüsse ziehen Sie bei Eon aus dem Vorfall? Martin Endress : Resilienz und Widerstandsfähigkeit der kritischen Infrastruktur sind heute wichtiger denn je. Der Stromausfall war fachlich und inhaltlich vor allem eine Herausforderung für die Kollegen auf der Netzseite, deshalb bin ich hier der falsche Ansprechpartner. Was meinen Sie damit? Wir sind der vertriebliche Arm von Eon in Deutschland. Seit der Liberalisierung des Strommarktes vor knapp 30 Jahren werden in Deutschland Netz und Vertrieb strikt voneinander getrennt. Die Netzkollegen haben in Berlin großartige Hilfe geleistet, in Details der Arbeit der Kollegen haben wir aber grundsätzlich keinen Einblick. Aber Sie haben schon einen kurzen Draht zur Zentrale? Ja, wir sind immer in einem guten und engen Austausch. Denn Deutschland ist der größte Markt, in dem Eon vertrieblich tätig ist – neben vielen anderen europäischen Märkten. Grundsätzlich gibt es drei strategische Säulen bei Eon: Den klassischen Vertrieb, das Netzgeschäft und Lösungen für die Industrie sowie Städte und Gemeinden. Das Headquarter in Essen steuert diese drei Geschäftsfelder konzernweit. Wir schauen in Sachen Energiewende aus Verbraucherperspektive auf alle energiewirtschaftlichen Themen, auch wenn wir bei unseren Angeboten, wie beispielsweise dem bidirektionalen Laden, auf eine entsprechende Infrastruktur angewiesen sind. Was ist bidirektionales Laden? Damit können E-Auto-Fahrer ihren Wagen als mobilen, flexiblen Stromspeicher einsetzen . Das Auto lädt nicht nur Strom, sondern kann den Strom auch wieder zurück ins Netz oder den Haushalt geben. Man könnte damit den eigenen Haushalt je nach E-Auto-Modell rund eine Woche mit Strom versorgen, zum Beispiel, wenn gerade Dunkelflaute und der Strom aus dem Netz sehr teuer ist. Und mit der Einspeisung ins Stromnetz können Autofahrer zusätzlich Geld verdienen. Das gibt der Wirtschaftlichkeit von Elektroautos eine ganz neue Dimension. Um diese Stromflüsse zu messen und abzurechnen, braucht man aber den Smart Meter. Der stockende Smart-Meter-Ausbau ist in der Energiewelt ein Dauerthema. Woran hakt es? Es stimmt, in Großbritannien , aber vor allem den Niederlanden oder Schweden sind bis zu 90 Prozent der Haushalte mit einem Smart Meter ausgestattet. Diese Länder, in denen Eon übrigens auch aktiv ist und Millionen von Geräten ausgerollt hat, spielen in einer ganz anderen Liga. Dass die Installation in Deutschland herausfordernder ist, liegt vor allem daran, dass wir enorme regulatorische und bürokratische Hürden aufgebaut haben. Seit der Energiekrise kannten die Strom- und Gaspreise in Deutschland nur einen Weg: nach oben. Das war nun im Januar erstmals anders. Warum? Wir konnten im Januar die Preise für Millionen unserer Kunden absenken. Das ist eine erfreuliche Nachricht. Als Beispiel: Wir haben in Nordrhein-Westfalen die Gaskosten eines Durchschnittskunden um rund 200 Euro reduzieren können. Bei Strom liegen wir bei 150 Euro jährlicher Ersparnis. Das liegt zum einen an gesunkenen Großhandelspreisen, aber auch an der Abschaffung der Gasspeicherumlage und der Reduzierung der Stromnetzentgelte. Wie wird es bei den Energiepreisen weitergehen? Das kann ich nicht präzise vorhersagen, dafür gibt es zu viele externe Faktoren. In Deutschland haben wir sehr begrenzten Einfluss auf die Energiepreise. Knapp 60 Prozent des Strompreises sind regulierte Preisbestandteile , die wir direkt an die Kunden weitergeben müssen. Da hat die Politik den größten Einfluss drauf. Sie sind sowohl bei Strom als auch bei Gas ein Grundversorger. Grundversorger gelten aber auch als besonders teuer. Wie rechtfertigen Sie das? Das ist ein Vorwurf, den unsere Wettbewerber gerne machen. Was sie aber genauso gerne weglassen, ist die Information, dass jeder Energieanbieter Grundversorger werden kann. Dazu muss er zu einem bestimmten Stichtag die meisten Kunden in einem bestimmten Netzgebiet versorgen. Das wird alle drei Jahre überprüft. Jeder Energieanbieter, und das sind Hunderte je nach Region, kann also Grundversorger werden. Diese Rolle geht aber auch mit zusätzlichen Aufgaben einher. Was meinen Sie damit? Grundversorger haben viele Pflichten. Was das bedeutet, haben wir ganz eindrücklich in der Energiekrise gesehen. Da sind ganz viele Anbieter mit Discountpreisen insolvent gegangen oder haben ihren Kunden gekündigt, weil ihr Geschäftsmodell nicht auf eine Krisensituation vorbereitet war und sie am Markt spekuliert haben. Das darf einem Grundversorger nicht passieren. Wir müssen jederzeit in der Lage sein, Kunden in unserem Gebiet aufzunehmen und mit Strom oder Gas zu versorgen. Und Sie können sich die Kunden dann nicht aussuchen. Richtig: Niemand wird zum Beispiel aufgrund einer schlechten Bonität abgelehnt. Auch hier können es sich unsere Wettbewerber mitunter einfach machen. Ein weiterer Aspekt sind die im Vergleich zu "normalen" Verträgen höheren regulatorischen Anforderungen, die technisch schwieriger umzusetzen sind. Dann müssen wir noch das Risiko tragen, dass ein Kunde jederzeit abspringen kann. Die Kündigungsfrist beträgt nur 14 Tage. Bei Sonderverträgen sind Kunden oft ein oder zwei Jahre an den Energieanbieter gebunden, das minimiert das Beschaffungsrisiko, schließlich müssen wir planen, wie viel Energie wir bereithalten. Darüber hinaus haben wir auch noch einen gewissen Rechercheaufwand. Wenn eine Person neu in eine Wohnung zieht, sind Strom und Gas sofort verfügbar. Diese Neukunden müssen sich aber nicht bei uns melden. Es liegt an uns, sie korrekt zuzuordnen. All das bringt höhere Aufwände und Kosten mit sich. Wichtig ist am Ende: Jeder Kunde hat das Recht, jederzeit zu wechseln. Kunden haben zwar jederzeit ein Wechselrecht. Die Praxis zeigt jedoch, dass sie das oft nicht nutzen. Wir bieten in der Grundversorgung einen gewissen Komfort. Man wird jederzeit versorgt, muss sich gar keine Gedanken machen und bleibt vertraglich flexibel. Für viele Kunden ist das sehr attraktiv. Und noch mal: Der Grundversorgungstarif ist nur einer von vielen bei uns. Unsere Kunden können jederzeit zwischen all unseren Produkten wählen. Und tun das auch. Wenn die Grundversorgung so viel aufwendiger ist: Denken Sie darüber nach, das abzugeben? Die Antwort ist da sehr differenziert. Grundsätzlich wollen wir diese Rolle weiterhin übernehmen, vor allem in größeren Gebieten, wo wir die Energiewende vorantreiben können. Es gibt aber auch sehr kleine Grundversorgungsgebiete, die sich kommerziell für uns nicht lohnen. Grundsätzlich nehmen wir unsere Aufgaben aber selbstverständlich verantwortungsvoll wahr – und wollen das auch weiterhin tun. Die Verbraucherzentrale hat diese Woche eine Reformdebatte angestoßen, weil die Grundversorger oft teuer sind und vor allem einkommensschwache und bildungsferne Haushalte die hohen Preise zahlen. Was halten Sie davon? Prinzipiell sind wir offen dafür, die Grundversorgung weiterzuentwickeln. Reformvorschläge für weniger Bürokratie in der Abwicklung der Grundversorgung zur Reduktion regulatorischer Kosten sind willkommen. Aber wir sollten die Stärken der heutigen Grundversorgung nicht unterschätzen, sie garantiert Sicherheit und faire Teilhabe. In der Energiekrise haben wir gesehen, was für ein hohes Gut die Grundversorgung ist. Sie hat damals vielen Menschen Sicherheit gegeben. Gerade jetzt müssen wir sicherstellen, dass die Bürger weiterhin Vertrauen in die Energieversorgung im Land haben. Daher ist unsere klare Empfehlung, sehr bedacht an eine Reform zu gehen. Reform, ja. Revolution, nein. Wir haben jetzt vor allem über Strom gesprochen, Sie sind aber auch Gasversorger. Wie nehmen Sie die Debatten rund um den Ausstieg aus Erdgas wahr? Gibt es da eine gewisse Nervosität auf Kundenseite? Es gibt vereinzelt Nachfragen, aber nicht in der Breite. Die Wärmewende ist ein langfristiger Prozess. Mit dem Heizungsgesetz wurde viel Staub aufgewirbelt , vielleicht auch ein bisschen mehr, als notwendig war. Es ist wichtig, in dieser Debatte die Ausgangslage der Menschen nachzuvollziehen. Für Millionen Menschen im Land ist Gas noch der Standard-Energieträger für ihre Heizung. Sehen Sie das als Risiko für Ihr Geschäftsmodell, wenn mehr Menschen aus Gas aussteigen? Nein. Beim Umstieg auf eine Wärmepumpe und bei der Elektrifizierung im Allgemeinen stehen wir unseren Kunden zur Seite. Wir bieten jetzt schon integrierte Lösungen an, die E-Auto, Wärmepumpe, PV und Batterie miteinander verknüpfen. Das ist eine spannende Entwicklung. Sie haben früher schon einmal bei Eon gearbeitet, waren dann einige Jahre in der Techbranche und sind erst jetzt wieder zurückgekommen. Was hat sich in der Energiebranche seitdem verändert? Als ich 2019 gegangen bin, war das Thema Flexibilisierung nur am Horizont erkennbar. Das galt als absolutes Zukunftsthema. Jetzt ist es das größte Thema in der Energiewelt. Wie kann ich den Stromverbrauch intelligent an die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien anpassen und die Verbräuche in günstige Zeiten verschieben? Das hat sich zu einem zentralen strategischen Thema entwickelt. Was wird in der Zukunft das dominierende Thema sein? Ich denke, dass KI auf operative Prozesse eine riesengroße Auswirkung haben wird, auch in unserer Branche. Ich kann mir beispielsweise vorstellen, dass die Steuerung von Energieflüssen künftig durch KI erfolgen wird. Darüber hinaus glaube ich, dass Elektroautos in Zukunft die zentrale Rolle in der Stabilisierung des Stromnetzes spielen werden . Das geht jetzt erst richtig los.