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KI-Manipulation und Einschüchterung: Trump-Opfer über US-"Faschismus"

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Ein KI-Bild des Weißen Hauses, eine Inhaftierung, die weltweit Schlagzeilen macht – und eine Frau, die sich weigert, eingeschüchtert zu werden. Ein Interview mit der betroffenen Bürgerrechtsanwältin Nekima Levy Armstrong aus Minneapolis. Bastian Brauns berichtet aus Minneapolis Ein vom Weißen Haus verbreitetes Foto ging vor gut einer Woche um die Welt. Es zeigte die afroamerikanische Bürgerrechtsanwältin und Pfarrerin Nekima Levy Armstrong vermeintlich weinend und verzweifelt bei ihrer Verhaftung. Es wurde bis heute alleine auf dem Profil des Weißen Hauses 6,2 Millionen Mal angezeigt. Doch kurz darauf belegte unter anderem ein Video die Fälschung. Tatsächlich hatte Armstrong nicht geweint, sondern sich ruhig abführen lassen. Der Fall entfachte eine Debatte über Machtmissbrauch, rassistische Stimmungsmache und den Einsatz von KI zur politischen Einschüchterung. Ausgang des Vorfalls war eine Protestaktion in einer Kirche in Minnesota, durch die Armstrong ins Visier der Bundesbehörden geraten war. Im Interview mit t-online schildert sie detailliert, wie aus einem gewaltfreien Protest eine politisch motivierte Verhaftung wurde. t-online: Miss Armstrong, was glauben Sie, bezweckte das Weiße Haus mit der Veröffentlichung des Fotos, auf dem Sie weinen? Nekima Levy Armstrong: Sie wollten meine Angst zeigen. Meine Verzweiflung. Eine schwarze Frau, die vom Staat gebrochen wird. Aber es war alles eine Lüge. Denn in Wahrheit war ich ruhig, gefasst, kontrolliert. Mehrere Menschen haben meine Festnahme gefilmt, und die Welt konnte wenig später sehen, was wirklich geschehen war. Es stellte sich heraus, dass die Trump-Regierung ein mit Künstlicher Intelligenz manipuliertes Bild von Ihnen verbreitet hatte. Ja, ich wurde hysterisch, mit verzerrten Gesichtszügen und deutlich dunklerer Hautfarbe dargestellt. Genau das hat man damals übrigens auch mit O. J. Simpson gemacht: Seine Haut auf Fotos dunkler dargestellt, um Angst zu erzeugen. Das ist ein Muster. Schwarze Menschen werden von der Regierung kriminalisiert, dämonisiert und als Bedrohung dargestellt. Sie zeigten mich wie eine Trophäe. Warum handelt das Weiße Haus so? Es geht ganz klar um Einschüchterung. Die Botschaft sollte sein: Das passiert mit dir, wenn du dich einem korrupten, faschistischen, autoritären Staat widersetzt. Minneapolis nach tödlichen ICE-Razzien: "Der Präsident ist ein Mörder" Widerstand nach Todesschüssen: Amerika im Ausnahmezustand Weshalb, glauben Sie, hat man ausgerechnet Sie so gezielt ins Visier genommen? Gut möglich, dass sie es taten, weil ich laut bin. Weil ich Bürgerrechtsanwältin bin. Weil ich mich öffentlich gegen Donald Trumps autoritäres Regime geäußert habe. Und weil ich an einem Protest in einer Kirche beteiligt war, der sie bloßgestellt hat. Das Ganze war klar politisch motiviert. Ohne jeden Zweifel. Das Weiße Haus war direkt involviert. Beginnen wir am Anfang. Wie konnte ein Protest in einer Kirche in St. Paul, der Zwillingsstadt gleich neben Minneapolis, zu Anklagen und Ihrer Verhaftung führen? Am Wochenende des Martin-Luther-King-Day, als die tödlichen Schüsse auf Renée Good fielen, protestierten wir in der City’s Church in St. Paul. Wir hatten erfahren, dass einer der Pastoren dort, David Easterwood, gleichzeitig der Chef der Abschiebebehörde ICE im Bundesstaat Minnesota ist. In einer Klageschrift tauchte sein Name auf, und er verteidigte das Vorgehen von ICE. Er behauptete, es gebe keine Verletzungen von Grundrechten – und bezichtigte stattdessen die Demonstrierenden, gewalttätig zu sein. Und darauf wollten Sie aufmerksam machen? Ich bin nicht nur Bürgerrechtsanwältin, ich bin auch ordinierte Pfarrerin. Mein Verständnis von Christentum ist einfach: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Wie kann jemand gleichzeitig Pastor sein und Leiter einer Behörde, die für Brutalität, Missbrauch und den Tod von Renée Good verantwortlich ist? Und inzwischen haben wir auch den Tod von Alex Pretti zu beklagen. In sozialen Netzwerken wurden Sie scharf attackiert von Republikanern, Regierungsmitgliedern und rechten Influencern. Man warf ihnen vor, die Kirche gestürmt und Menschen am Gottesdienst gehindert zu haben. Wir haben die Kirche nicht gestürmt. Wir wurden ganz normal hineingelassen und haben am Gottesdienst teilgenommen. Nach der Predigt des anwesenden Pastors stand ich auf und stellte ihm eine Frage: Wie kann David Easterwood hier zugleich Pastor und der Chef von ICE sein? Vom Altar antwortete der Pastor nur mit den Worten: "Schande. Schande." Da war mir klar: Dieser Mann will keinen Dialog. Wir begannen zu rufen: "Gerechtigkeit für Renée Good." Und dann: "Wir haben unsere Hände oben, nicht schießen!" Wir wollten deutlich machen: Wir kommen friedlich. Uns war nicht klar, ob womöglich ICE-Agenten anwesend sind. Wir wollten nicht erschossen werden. Aber Sie konnten die Kirche ungehindert verlassen. Ja. Die Polizei wurde gerufen, nahm uns aber nicht fest. Wir verließen die Kirche, veröffentlichten später Videos der Aktion und erklärten unsere Motive. Dann explodierte die MAGA-Basis von Donald Trump . Bundesbehörden drohten öffentlich damit, uns festzunehmen. Das Ganze wurde zu einem politischen Schauspiel auf oberster Ebene. Was geschah danach? Vier von uns übernachteten in einem Hotel nahe dem Bundesgericht, um uns – falls nötig – gemeinsam mit Anwälten zu stellen. Was aber dann geschah: Das FBI umstellte das Hotel. Sie überwachten uns, bezogen sogar ein Zimmer direkt gegenüber meinem. Das klingt wie eine Belagerung. Es war noch schlimmer. Als eine Freundin nachts den Flur betrat, jagten sie ihr nach, warfen sie zu Boden, schlugen ihr gegen den Kopf und zerrten sie in einen Van. Sie dachten offenbar, das sei ich. So aggressiv war das Vorgehen. Und dann wurden auch Sie verhaftet? Ja, mein Anwalt hatte zuvor noch nachgefragt: Ihm wurde gesagt, es gebe keinen Haftbefehl. Offenbar änderte sich das kurzfristig. Als sie mich festnahmen, filmten sie mich mit ihren Smartphones. Ich fragte: Warum? Und ich sagte, dass ich darum bitte, nicht geschlagen zu werden, wie meine Freundin in der Nacht. Sie grinsten nur und sagten, so etwas würden sie doch niemals tun. Fühlte sich all das noch wie ein rechtsstaatliches Verfahren an? Nein. Es fühlte sich nach Vergeltung an. Ich wurde in Handschellen in den hinteren Teil eines Transportfahrzeugs gebracht und ohne Anschnallgurt weggekarrt. Sie mussten vor dem Haftrichter erscheinen. Dort ordnete man Ihre sofortige Freilassung an. Warum landeten Sie trotzdem im Gefängnis?i Man verfügte, dass meine Freundin Chauntyll Allen und ich noch am selben Tag freikommen sollten. Die Staatsanwaltschaft aber beantragte einen einstündigen Aufschub, um unsere Inhaftierung zu begründen. Das wurde gewährt. Als dann mehr als 150 Unterstützerinnen und Unterstützer vor Ort erschienen, schloss man das Gerichtsgebäude vorzeitig. Unsere Anwälte wurden ausgesperrt. Acht Minuten nach Ablauf der einstündigen Frist wurden wir gefesselt und ins Sherburne County Gefängnis gebracht. Wie kann man sich das vorstellen? Es war vollkommen unverhältnismäßig für einen gewaltfreien Protest. Während die Mörder von Renée Good und Alex Pretti davonkommen, wurden wir dreifach gefesselt. Mit Fußfesseln, einer Kette um die Taille, dazu Handschellen mit einem Metallsteg dazwischen. Ich sage Ihnen, als jemand, der Afroamerikanistik studiert hat: Der Sklaverei habe ich mich noch nie so nah gefühlt. Ich wurde gefesselt wie eine Sklavin. So wurden meine Vorfahren einst nach Amerika gebracht. Es war entwürdigend und demütigend. Aber es ist bezeichnend. Es passt zu einem Weißen Haus, das sich auf Grausamkeit, Brutalität, Lügen und Täuschung spezialisiert hat. Genau so agiert die Trump-Regierung. Wie waren die Bedingungen im Gefängnis von Sherburne County? Ich wurde nackt durchsucht, in Gefängniskleidung gesteckt und in eine kleine Zelle gesperrt. Eine Kamera überwachte jede meiner Bewegungen – obwohl ich ja vorher schon durch den Röntgenscan musste und eine Leibesvisitation bekommen hatte. Die Zelle hatte ein Betonbett und eine Metalltoilette, die zugleich das Waschbecken war. Darum wollte ich sie nicht einmal benutzen. Diese Grausamkeit ist kein Zufall. Sie ist Teil dieses autoritären Systems. Dank unserer Anwälte kamen wir schließlich frei. Denn es gibt keinen rechtlichen Grund, uns festzuhalten. Die First Lady, Melania Trump , warnt öffentlich regelmäßig vor den Gefahren von KI-Manipulation und Desinformation. Was bedeutet es für Sie, dass ausgerechnet das Weiße Haus ein manipuliertes Bild von Ihnen verbreitet hat? Das zeigt die ganze Heuchelei. Einerseits reden sie über die Gefahren von KI. Andererseits veröffentlicht das Weiße Haus selbst ein manipuliertes Bild einer schwarzen Anwältin, um die Öffentlichkeit gezielt zu beeinflussen. Unsere Regierung sollte sich um Demokratie kümmern. Um unsere Sicherheit in diesem Land, das eine Supermacht sein soll. Stattdessen produzieren sie Fake-Bilder, um die Realität zu verzerren und die Öffentlichkeit zu manipulieren. Wie ohnmächtig fühlen Sie sich angesichts dieser Anfeindungen von ganz oben? Wir sind diese Lügen gewohnt. Gefährlich wird es, wenn Medien diese Lügen zunächst ungeprüft weiterverbreiten und gewaltfreie Protestierende als Kriminelle diffamieren. Auch das ist Teil des Problems. Ich bekomme Morddrohungen und muss um meine Sicherheit fürchten. Werden Sie Ihrerseits die Trump-Regierung verklagen? Ich möchte das gerne tun. Wir prüfen derzeit, welche juristischen Möglichkeiten es dafür gibt. Was bedeutet all das für das Vertrauen in die Aussagen der US-Regierung? Man kann nichts glauben, was aus diesem Weißen Haus kommt. Sie haben über unschuldige Menschen gelogen, Renée Good und Alex Pretti als Terroristen dargestellt und damit behauptet, sie hätten ihren Tod geradezu verdient, zumindest aber selbst verschuldet. Und sie sagen den Menschen in diesem Land, sie sollten ihren eigenen Augen nicht trauen. Das ist Faschismus. So sieht er aus. Die Regierung sagt, sie gehe gegen Kriminelle vor, gegen die "Schlimmsten der Schlimmen", die das Land verlassen müssten. Diese Behauptung ist nachweislich falsch. Nach meinem Kenntnisstand sind rund 70 Prozent der Menschen, die ICE festgenommen hat, nicht gewalttätig – also Menschen ohne kriminelle Vorgeschichte. Die Festnahmen erfolgen wahllos. Es wurden US-Bürger festgenommen, ebenso Menschen, die sich legal im Land aufhalten. Sie nennen das "ICE-Surge", also eine ganze Welle von Einsätzen. In Wirklichkeit treibt uns das in Richtung Autoritarismus. ICE ist das Vehikel, mit dem diese Entwicklung vorangetrieben wird. Und niemand hält diese Behörde zurück. Unrechtmäßiges Vorgehen müsste in einem funktionierenden Rechtsstaat aber doch zu bekämpfen sein. Es gibt keine funktionierenden Kontrollmechanismen, keine echten "Checks and Balances" mehr. ICE ist finanziell bestens ausgestattet, militärisch hochgerüstet, mit Waffen auf unseren Straßen unterwegs und setzt diese gegen Zivilisten ein. Die Gerichte haben uns bislang nicht geschützt. Die Legislative hat versagt. Dieses Versagen reicht bis in die höchsten Ebenen. Sie klagen auch die Demokraten an? Hätte unser Gouverneur Tim Walz auf uns gehört, als wir ihn aufforderten, seine Macht zu nutzen und den Beamten festnehmen zu lassen, der Renée Good getötet hat, dann wäre es nicht so weit gekommen. Stattdessen stellte er sich vor die Kameras, wich aus und lieferte Ausreden. Jetzt ist auch Alex Pretti unschuldig ermordet worden. Donald Trump muss in die Schranken gewiesen und zur Rechenschaft gezogen werden. Der Kongress in Washington muss ICE zur Verantwortung ziehen. Er finanziert ICE. Er hat ICE geschaffen. Er ist zur Kontrolle verpflichtet – und er ist dieser Pflicht nicht nachgekommen. Das ist inakzeptabel. Es ist gewissenlos. Und es ist zutiefst diabolisch. Die Welt blickt auf die USA . Was ist Ihre Botschaft? Wir müssen zusammenstehen – unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder sozialem Status. Wir haben mehr gemeinsam miteinander als das eine Prozent der Gesellschaft, das schuld an dieser Entwicklung ist. Wir müssen unrechtmäßiges Handeln und ungerechte Gesetzgebung zurückweisen. Der Kirchengelehrte Augustinus sagte einst: "Ein ungerechtes Gesetz ist kein Gesetz". Meine Botschaft ist: Wir müssen einander schützen, auf unsere Nachbarn achtgeben und unsere Stimmen gegen die Ungerechtigkeit erheben.