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Streit um "Lifestyle-Teilzeit": Schwarz-Rot zofft sich um die Work-Life-Balance

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Stern 

Work-Life-Balance, obwohl die Wirtschaft lahmt? Nicht nur der jüngste Koalitionskrach um die Arbeits-Teilzeit zeigt: Für Schwarz-Rot wird das zur Grundsatzfrage.

Friedrich Merz hat es einmal auf folgende Formel gebracht: "Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können." Es müsse wieder mehr und vor allem effizienter gearbeitet werden, meint der Kanzler, der den Arbeitseifer der Deutschen offenbar für ausbaufähig hält. Wie sich dieser zusätzlich anfachen lässt, und damit idealerweise auch das Wirtschaftswachstum, sorgt nun für Zündstoff in der Koalition. 

Der CDU-Wirtschaftsflügel will den grundsätzlichen Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken. Beim Koalitionspartner SPD stößt das auf erheblichen Widerstand. Von einer "Verhöhnung" Millionen Beschäftigter ist die Rede, vom "Schleifen" der Arbeitnehmerrechte. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig schaltet sich in die Debatte ein, ermahnt die Christdemokraten: "Die CDU ist nicht klug beraten, wenn sie ständig verkündet, dass die Menschen in Deutschland nicht genug arbeiten", sagte Schwesig dem stern.

Wie viel Work-Life-Balance ist bei einer taumelnden Wirtschaft drin? Für Schwarz-Rot gerät das zur Grundsatzfrage, schließlich suchen Union und SPD auch bei der wöchentlichen Höchstarbeitszeit und Zeiterfassung noch nach einem gemeinsamen Weg. Es lodern viele kleine Feuer – die sich zum Großbrand auswachsen könnten.

Teilzeit-Vorstoß verärgert SPD  

Die deutsche Wirtschaft ist seit 2019 nicht mehr richtig gewachsen, auch die Aussicht für die nächsten Jahre sieht mager aus. Derweil liegt die Teilzeitquote in Deutschland mit rund 40 Prozent auf Rekordniveau. 2025 haben so viele Menschen wie nie in Teilzeit gearbeitet. Immer mehr auch freiwillig, nach der Devise: mehr Leben statt Maloche. Das sei unsolidarisch, heißt es jetzt vom CDU-Wirtschaftsflügel. 

Kinderbetreuung, Pflege, Weiterbildung – nur noch bei besonderen Gründen sollten Beschäftigte Anspruch auf Teilzeit haben, so der Vorschlag der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), über den der stern exklusiv berichtet hatte. "Freiwillige Teilzeit aus Gründen der individuellen Lebensgestaltung darf nicht dauerhaft durch den Sozialstaat abgesichert werden", sagte die MIT-Vorsitzende Gitta Connemann. Auf dem Bundesparteitag der Christdemokraten Ende Februar soll ein entsprechender Antrag mit dem Titel "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit" beschlossen werden. Der MIT-Vorschlag sieht auch vor, dass Teilzeitkräfte nur noch bei Vorliegen besonderer Gründe Sozialleistungen wie Grundsicherung, Kinderzuschlag und Wohngeld erhalten können.

SPD-Ministerpräsidentin Schwesig ermahnte die Christdemokraten, nicht zwischen "guten und schlechten Gründen" für Teilzeit zu unterscheiden. Den Einsatz der meisten Arbeitnehmer sollte man nicht kleinreden, sagte Schwesig dem stern und warb dafür, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beziehungsweise Pflege und Beruf weiter zu verbessern. "Dann werden sich mehr Menschen für eine Vollzeitstelle entscheiden."

Neben der Analyse des CDU-Wirtschaftsflügels erfährt auch das Wording deutlichen Widerspruch. "Der Begriff 'Lifestyle-Teilzeit' ist eine Verhöhnung von Millionen Beschäftigten – überwiegend Frauen –, die in Teilzeit arbeiten, weil die Rahmenbedingungen für Vollzeit schlicht nicht stimmen", sagte Sebastian Roloff, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, dem stern. Roloff, der auch SPD-Landesvorsitzender in Bayern ist, wirft dem CDU-Wirtschaftsflügel vor, das Problem von hinten aufzurollen – und dabei diejenigen zu treffen, die ohnehin jonglieren müssten. 

Ein Konfliktfeld für die Koalition

Der Teilzeit-Konflikt mischt sich zum grundsätzlichen Reiz- und Streitthema in der schwarz-roten Koalition, wie flexibel in Deutschland gearbeitet werden können soll. Als Kanzler Merz kürzlich beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer erklärte, am liebsten das Arbeitszeitgesetz streichen zu wollen, wurde das in den Reihen der SPD als Frontalangriff auf den Arbeitnehmerschutz gewertet. In dem Gesetz sind etwa Höchstarbeitszeiten, Pausen- und Ruhezeiten geregelt. 

Merz hatte argumentiert, die Betriebsparteien und die Tarifvertragsparteien könnten das ohne den Gesetzgeber regeln. Die SPD-Vizefraktionsvorsitzende Dagmar Schmidt kofferte prompt zurück, das Arbeitszeitgesetz sei "kein Bürokratiemonster, sondern ein zentrales Schutzgesetz für die Gesundheit von Beschäftigten". Wer es streichen wolle, greife den Arbeitnehmerschutz frontal an. 

Im Koalitionsvertrag hatten CDU, CDU und SPD angekündigt, die Möglichkeit einer wöchentlichen statt täglichen Höchstarbeitszeit zu schaffen. Das würde längere Arbeitstage ermöglichen. Die Sozialdemokraten pochen dafür auf eine elektronische Erfassung aller Arbeitszeiten. "Jede Minute muss bezahlt werden", forderte Bernd Rützel, Vorsitzender des Arbeitsausschusses im Bundestag, in der "Bild"-Zeitung. Arbeitgeber und Teile der Union wiederum halten das für kontraproduktiv: zu viel Bürokratie.

Jahreswirtschaftsbericht erwartet

Der Teilzeit-Vorstoß stellt für viele Sozialdemokraten, die im Superwahljahr 2026 mit fünf Landtagswahlen um ihr Profil als Arbeiterpartei ringen, nun einen zusätzlichen Triggerpunkt dar. Aktuell erlaubt der gesetzliche Anspruch auf Teilzeit  es Arbeitnehmern unter bestimmten Voraussetzungen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Bei vorübergehender Teilzeit kehren sie anschließend automatisch zur vorherigen Stundenzahl zurück. Arbeitgeber können den Antrag nur aus gewichtigen betrieblichen Gründen ablehnen.

SPD-Vizefraktionsvorsitzende Schmidt kritisierte den Vorstoß des CDU-Wirtschaftsflügels im "Handelsblatt" als "Schleifen hart erkämpfter Arbeitnehmerrechte". Für mehr Wachstum müsse Deutschland stattdessen mehr in Qualifizierung, Forschung und Entwicklung investieren. Auch Annika Klose, die arbeitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, plädierte im "Spiegel" für bessere Rahmenbedingungen und warf dem CDU-Wirtschaftsflügel "Populismus auf dem Rücken der Beschäftigten" vor.

Die Diskussion um die Arbeitszeit dürfte nicht abreißen, im Gegenteil: Am Mittwoch will Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche, CDU, den Jahreswirtschaftsbericht 2026 vorstellen, eine Art wirtschafts- und finanzpolitisches Strategiepapier der Bundesregierung für das laufende Jahr. Kurz vor dem Jahreswechsel hatte Reiche auf Arbeitsmarkt-Reformen gedrängt und angesichts der stagnierenden Wirtschaft gemahnt: "Wir müssen in Deutschland insgesamt mehr arbeiten."