"Tatort: Wenn man nur einen retten könnte": Bremer Tatort: Geht es Deutschlands Studierenden wirklich so schlecht?
Der Bremer "Tatort: Wenn man nur einen retten könnte" mit Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Selb (Luise Wolfram) zeichnet ein Horrorbild der aktuellen Studi-Szene: Prekäre Lebensverhältnisse, fundamentale Ängste, Drogen, versteckte Abbrüche – und ganz wenig Solidarität. Ist es wirklich so schlimm?
Früher galt die Studienzeit als Ära des großen Ausprobierens und Entdeckens: Persönlichkeitsentwicklung, Partys, Gemeinschaft – und natürlich auch ein bisschen Druck vor den Prüfungen.
In ihrem "Tatort: Wenn man nur einen retten könnte" zeichnen die drei Macherinnen nun ein wahres Horror-Szenario des Studierendenlebens der Gegenwart: Die Kommissarinnen Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Selb (Luise Wolfram) – unterstützt von Gastermittler Patrice Schipper (Tijan Njie) – müssen den Tod einer Studentin aufklären. Der ging es offensichtlich schon vor ihrem gewaltsam herbeigeführten Tod nicht gut.
Dabei taucht der Film tief ein in ein (fiktives) Studentinnenleben ein. Steht es exemplarisch für das – oft verdeckte – Leid vieler junger Menschen heutzutage?
Worum ging es?
In kompakten zwei Minuten zu Beginn des "Tatorts" wird collagenhaft der Leidensweg von Studentin Annalena Höpken (Annika Gräslund) dargestellt: Die junge Frau hatet existenzielle Geldsorgen. Noch nicht mal fürs Essen reichte die Kohle. Zu einem traurigen HipHop-Song sah man sie an verschiedener Menschen Türen klopfen. Helfen konnte oder wollte ihr jedoch niemand.
Wenige Minuten später lag Annalena tot am Fuße der Hinterhoftreppe eines Nachtclubs. Weil sie wohl jemand gestoßen hatte. Ermittelt wurde in der toxisch wirkenden WG Annalenas und ihren Hinterbliebenen: der Mutter (Catrin Striebeck) und der 15-jährigen Schwester (Mathilda Smidt).
Worum ging es wirklich?
Drehbuchautorin Elisabeth Herrmann (67), Bestseller-Autorin und verantwortlich für die mit Jan Josef Liefers verfilmte Joachim Vernau-Reihe, stammt aus der Studentenstadt Marburg. Ihr Studium – auf dem zweiten Bildungsweg – sowie das ihrer Partnerin Dr. Christine Otto (Jahrgang 1961) dürfte schon etwas zurückliegen. Doch vielleicht war es gerade die wahrgenommene Diskrepanz zwischen eigenen Jugend-Erinnerungen und aktuellen Statistiken, die ihnen zeigte: Studierende fühlen sich heute offenbar weit mehr unter Druck als früher.
Über ihr Drehbuch sagen Herrmann und Otto: "Der Ausgangspunkt für 'Wenn man nur einen retten könnte' ist ein reales Erlebnis, das uns erschüttert hat: eine junge Frau, die über Jahre vorgibt, Jura zu studieren und nicht den Mut findet, ihren Eltern zu gestehen, dass sie das Studium, einfach nicht mehr schafft. Hier zeigt sich exemplarisch, unter welchem emotionalen Druck junge Erwachsene stehen."
Wie hoch ist die Abbrecherquote deutscher Studierender?
Laut Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) brechen etwa 28 Prozent der Bachelorstudierenden in Deutschland ihr Studium ohne Abschluss ab (Anfangsjahrgänge 2016/2017, Absolventenjahrgang 2020). An Universitäten liegt die Abbruchquote im Bachelor bei etwa 35 Prozent, an Fachhochschulen und stärker anwendungsbezogenen Bildungsgängen bei rund 20 Prozent.
Besonders hoch sind die Abbruchquoten in Mathematik und Naturwissenschaften sowie Geisteswissenschaften (teils um 50 Prozent). Deutlich niedriger liegen sie in den Rechts‑, Wirtschafts‑ und Sozialwissenschaften sowie bei Lehramts-Studierenden (teils um oder unter 20 Prozent). Immerhin meldete das DZHW 2022 in einem Nachtrag zu ihrer bereits etwas älteren Erhebung, dass die Corona-Pandemie die Abbruchquoten wohl nicht erhöht, aber auch nicht verringert habe.
Wie steht es um die mentale Gesundheit der Studierenden?
Studierendenbefragungen zeigen seit Jahren erhöhte Werte für Stress, depressive Symptome, Angststörungen und Erschöpfung bei einem relevanten Anteil der Studierenden. Häufig wird über starke Prüfungsangst, Überforderung und Zukunftssorgen berichtet. Hochschulen reagieren mit mehr Beratungsangeboten (Psychologische Beratung, Workshops zu Stressbewältigung, Mentoring, Maßnahmen zum Dropout‑Monitoring), weil mentaler Druck und Studienabbruch mittlerweile als eng miteinander verbunden betrachtet werden.
Studienüberforderung entsteht meist durch ein Zusammenspiel aus strukturellem Druck im Studium, persönlichen Erwartungen, finanziellen Sorgen und psychischen Belastungen. Besonders häufig genannt werden Arbeitsaufwand, Prüfungsstress und Zukunftsängste, die sich über längere Zeit zu einem Gefühl permanenter Überforderung verdichten können.
Was ist Hirn-Doping?
In einer von "Focus" veröffentlichten Befragung von rund 8.000 Studierenden gaben etwa fünf Prozent an, gelegentlich verschreibungspflichtige Medikamente wie Schmerz‑ und Beruhigungsmittel, ADHS‑Medikamente, Antidepressiva oder Betablocker zur Leistungssteigerung oder Stressbewältigung zu nutzen. Studien zu "Neuro‑Enhancement" (Hirn-Doping) zeigen, dass insgesamt ungefähr jeder fünfte Befragte (Studis, Schüler, Berufstätige) mindestens einmal illegale oder verschreibungspflichtige Mittel zur Leistungssteigerung ausprobiert hat. Der regelmäßige Gebrauch liegt deutlich darunter.
Wie geht es beim Bremer "Tatort" weiter?
Anfang Dezember 2025 gab Radio Bremen bekannt, dass gespart werden muss und deshalb 2026 nur ein neuer "Tatort" gedreht wird. Dieser wird voraussichtlich erst 2027 im ARD-Programm auftauchen. Der Drehstart des Films, der noch keinen Namen trägt, soll im Juni 2026 erfolgen. Das Drehbuch steuern – so wie bereits beim "Tatort: Stille Nacht" von 2024 – Daniela Baumgärtl und Kim Zimmermann bei.
