Weniger Ausbildungsplätze: Arbeitsministerin Bärbel Bas ermahnt Arbeitgeber
Immer mehr Jugendliche finden keinen Ausbildungsplatz. Die Arbeitsministerin wirbt für große Ausbildungszentren – und muss selbst ans Schweißgerät. Es dauert nicht lange, dann muss Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas ihre Fähigkeiten selbst unter Beweis stellen. Als ein Ausbilder am ABB-Ausbildungszentrum Berlin sie fragt: "Möchten Sie schweißen?", weiß die SPD-Politikerin schon, dass ihr keine Wahl bleibt. Schließlich lernte die Sozialdemokratin als junge Frau selbst mal das Schweißen, lange vor ihrer Karriere in der Politik. "Ich glaube, alle warten darauf", sagt sie noch. Kurz darauf hat sie eine schwarze Schutzhaube auf dem Kopf und zieht mit einem Übungsgerät eine digitale Schweißnaht. Der Simulator ist ein Beispiel für den Vorteil, den solch große Ausbildungszentren bieten. Das Technologieunternehmen ABB bildet hier mehr als 650 junge Menschen aus dem eigenen Haus sowie von 150 Partnerunternehmen in Metall- und Elektrotechnikberufen aus. Kleine und mittlere Unternehmen können sich diese Technik in der Regel nicht leisten. Für die Auszubildenden hat es aber den Vorteil, dass sie ohne Angst vor Verletzungen das Schweißen üben können, bevor sie die tatsächlichen Schweißgeräte bedienen. Der Besuch bei dem Ausbildungszentrum sei ihr ein besonderes Anliegen gewesen, sagt Bas, vor allem vor dem Hintergrund, dass Unternehmen in Deutschland immer weniger Ausbildungsplätze anbieten. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftebedarf hoch. "Arbeitgeber müssen ausreichend Ausbildungsplätze anbieten" Denn die aktuelle Wirtschaftsschwäche Deutschlands hat längst auch Auswirkungen auf den Ausbildungsmarkt. Laut der Ausbildungsumfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) boten im vergangenen Jahr rund ein Viertel der befragten Unternehmen weniger Ausbildungsplätze an als zuvor, während nur 15 Prozent ihr Angebot erhöhten. Der Bericht weist auf zwei große Probleme hin: Einerseits schätzen Unternehmen ihre wirtschaftliche Lage nicht gut ein und reduzieren deswegen die Ausbildungsplätze. Andererseits finden viele Unternehmen auch kaum geeignete Bewerber. "Arbeitgeber müssen ausreichend Ausbildungsplätze anbieten und auch Jugendlichen mit Unterstützungsbedarf eine Chance geben", sagt Bas während ihres Besuchs im Ausbildungszentrum. Eine qualifizierte Ausbildung bleibe nicht nur für die persönliche Zukunft jedes Einzelnen das Fundament, sondern auch ein entscheidender Baustein für die Sicherung des Fachkräftebedarfs in Deutschland. Dem Deutschen Gewerkschaftsbund zufolge haben von 730.000 an einausbildungsinteressierten Jugendlichen im vergangenen Jahr nur 65 Prozent eine Ausbildung begonnen. Bas weist darauf hin, dass für viele Jugendliche nicht nur die Suche nach einem Ausbildungsplatz ein Thema ist. Ist damit ein Ortswechsel verbunden, schrecken viele auch vor der Wohnungssuche auf dem angespannten Markt zurück. Die Arbeitsministerin empfiehlt Ausbildungsinteressierten, sich an die Jugendberufsagenturen zu wenden, die auch bei Problemen rund um den Ausbildungsstart behilflich sein können. "Ein kleiner Handwerksbetrieb kann nicht alles abbilden" Wie denn die Wirtschaft dabei unterstützt werden könne, mehr Ausbildungsplätze anzubieten, wird Bas bei der an ihren Besuch anschließenden Pressekonferenz gefragt. Der DGB etwa hatte vorgeschlagen, das Bremer Modell einer Umlagefinanzierung solle deutschlandweit Schule machen. Dabei zahlen alle Unternehmen im Raum Bremen und Bremerhaven eine kleine Summe in einen Ausbildungsfonds ein. Unternehmen, die ausbilden, bekommen Geld daraus zurück. Das soll vor allem kleinen Unternehmen helfen, Ausbildungsplätze zu erhalten oder zu schaffen. Sie bevorzuge Investitionen in die Struktur als einzelne Prämien, sagte Bas dazu. Große Zentren wie das von der ABB können die Ausbildungen mit deutlich besserer Technik gestalten. "Ein kleiner Handwerksbetrieb kann nicht alles abbilden", so Bas dazu. Auch an anderer Stelle betont sie: Wir müssen "sicherstellen, dass die duale Ausbildung auf der Höhe der Zeit bleibt." KI-Kompetenzen etwa müssten sowohl in der Aus- wie Weiterbildung integriert sein. "Nur so bleiben unsere Unternehmen und Fachkräfte wettbewerbsfähig und können die digitale Transformation aktiv mitgestalten." Bas fordert bessere Bleiberechte für Geflüchtete in Ausbildung Zudem fordert sie bessere Bleibechancen für junge Geflüchtete nach der Ausbildung. "Es muss eben für die Unternehmen Planbarkeit geben", sagt sie. "Und die habe ich nicht, wenn gesagt wird, ich investiere hier in eine teure Ausbildung, in den jungen Menschen, und übermorgen ist er weg." Gespräche in der Koalition zu einem solchen Bleiberecht liefen bereits. Sie fordert: "Es dürfen nicht die Falschen abgeschoben werden." Ohne ein Bleiberecht hätten junge Geflüchtete keine Chance, einen Ausbildungsplatz in einem Unternehmen zu bekommen. Nachdem Bas ihre digitale Schweißnaht fertig gezogen hat, fragt sie der Ausbilder, ob sie das Ergebnis wissen möchte. "Selbstverständlich", sagt Bas. Das ist ein weiterer Vorteil der Maschine: Die Arbeit kann bis ins kleinste Detail ausgewertet werden, die Software gibt anschließend Verbesserungsvorschläge. Ab 90 von 100 Punkten gilt eine Naht als gut genug, der Auszubildende hätte die Übung dann bestanden. Und die Naht von Bas? 91 von 100 Punkten.
