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"Tatort"-Star Edin Hasanovic: "Aktuelle Zeit ist barbarisch und verletzend"

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Der zweite "Tatort" mit Edin Hasanovic als Frankfurter Hauptkommissar Hamza Kulina steht bevor. Mit t-online spricht der Schauspieler über Verantwortung und Ängste. Vor gut zwei Monaten ermittelte Edin Hasanovic erstmals an der Seite von Melika Foroutan im "Tatort" aus Frankfurt . Die beiden bilden das neue Duo Hamza Kulina und Maryam Azadi – und bekamen für ihren ersten Fall "Dunkelheit" überdurchschnittlich positive Kritiken . Vor der Ausstrahlung der zweiten Folge mit dem Titel "Licht" hat sich der 33-jährige Schauspieler Zeit genommen, mit t-online über das zu sprechen, was die Rolle als "Tatort"-Kommissar mit sich bringt – und was er durch sie erreichen will. t-online: Herr Hasanovic, Sie sind für Ihren ersten "Tatort" sehr gelobt worden. Hatten Sie das so erwartet? Edin Hasanovic: Nein. Das hat mich ganz schön umgehauen. Mit diesem überwältigenden Superlativ-Feedback habe ich nicht gerechnet. Ich war im Glücksrausch und bin das bis jetzt. Haben Sie auch Reaktionen von Zuschauern bekommen? Ja, unzählbar viele. Von Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher politischer Einstellung und mit verschiedenem nationalen und religiösen Hintergrund. Dass mir zum Beispiel Menschen mit migrantischer Biografie schreiben, dass sie sich durch unsere Rollen endlich repräsentiert fühlen, freut mich wahnsinnig. Die Rolle eines "Tatort"-Kommissars verändert die Karriere, oder? Ja. Es ist eine Ehre. Wenn ich sage, ich bin "Tatort"-Kommissar, ist da eine andere Resonanz. So ein Feedback gab es nicht mal für "Im Westen nichts Neues", der unter anderem vier Oscars bekommen hat. Angestrebt habe ich das aber nie, weil ich alles auf mich zukommen lasse. Die erste "Tatort"-Anfrage kam schon vor Jahren rein. Damals war ich aber noch nicht bereit für diese Rolle. "Tatort: Dunkelheit": So wird der neue Fall aus Frankfurt Cold-Case-Ermittler: An diesen Orten spielt der neue Frankfurt-"Tatort" Warum? Ich hatte Angst, dass ich nicht mehr als Schauspieler wahrgenommen werde, sondern nur noch als "Tatort"-Kommissar. Ehrlich gesagt, hatte ich auch jetzt Angst zuzusagen. Und, war Ihre Befürchtung berechtigt? Teilweise. Wenn jetzt über mich geschrieben wird, steht nicht mehr Schauspieler dabei, sondern "Tatort"-Kommissar. Es ist eine große Ehre, aber auch eine andere Verantwortung. Inwiefern? Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so eine Anspannung gespürt habe wie beim "Tatort". Er ist seit Jahrzehnten eine Institution in Deutschland. Ich bin plötzlich Botschafter von Frankfurt und möchte diese Stadt repräsentieren. Aber ich möchte auch, dass dieses Team heraussticht und dass es nicht nur ein weiterer Krimi ist. In Ihrem ersten "Tatort"-Fall gab es eine Szene, in der Sie als Kommissar Hamza über Ihren Bruder sprechen, der im Bosnienkrieg verschleppt worden ist. Sie selbst haben Ihren Vater in diesem Krieg verloren. Wie verändert so etwas das Schauspiel? Das verändert schon vorher etwas. Ich bekam einen Drehbuch-Text, mit dem ich nicht zu 100 Prozent zufrieden war und durfte dann daran mitschreiben und der Szene eine etwas andere Seele einhauchen. Wir haben sie viermal gedreht und beim zweiten oder dritten Take hat es mich persönlich gerissen. Ich habe weitergespielt, aber ich konnte meine privaten Emotionen nicht mehr kontrollieren. Grausame Mordserie: Dieser wahre Fall steckt hinter "Tatort: Dunkelheit" So etwas passiert vermutlich nicht so oft. Nein, weil ich gut unterscheiden kann, was Arbeit und was privat ist. Aber wenn man so viel vom Völkermord in Bosnien weiß und diese Worte spricht, geht es nicht anders. Wie viel von Ihrem emotionalen Ausnahmezustand vor der Kamera war am Ende im Film zu sehen? Von diesem Take war am Ende nur ein Bruchteil zu sehen. Der Regisseur, Stefan Schaller, hat gespürt, wie viel private Betroffenheit dabei war. Diese Form der Seelenschau gehört nicht unbedingt in einen Film. Dementsprechend haben es nur ein paar Aufnahmen davon in den Film geschafft. Bei den anderen Takes konnte ich meine Emotionen, die es für so eine Szene braucht, zum Glück gut steuern. Wie politisch darf oder muss der "Tatort" sein? Ich denke, nicht jede Form der Kunst muss immer politisch sein. Mit der Schauspielerei kann man durch Emotionen Menschen erreichen und zum Nachdenken anregen – ohne den moralischen Zeigefinger. Das können Bilder, das kann Musik, das kann Film, das kann Theater, das kann eine Oper, das kann ein Roman. Und das kann auch ein "Tatort". Ich finde es sehr gut und richtig, dass der "Tatort", der jeden Sonntag so viele Menschen erreicht, auch mal politisch ist. Wieso gerade jetzt? Schon immer hatten wir Kriege auf der Welt und es gab schlechte Menschen. Für alle, die mit Aufmerksamkeit und offenem Herzen auch für andere Menschen durch die Welt gehen, heißt es immer "gerade jetzt". Für mich fühlt sich die aktuelle Zeit extrem herausfordernd an, sie ist barbarisch und verletzend. Wenn ich etwa "meinen" Bundeskanzler vom Stadtbild sprechen höre, von Paschas, da wird mir schlecht. Ich mache den "Tatort" daher nicht nur für Schulterklopfer und Ego, sondern auch aus anderen Motiven. Aus welchen? Im zweiten Film wird klar, was für einen religiösen Hintergrund meine "Tatort"-Figur Hamza hat. Presse und Politik vermitteln regelmäßig das Gefühl, Kriminelle seien Ausländer und Nicht-Kriminelle seien Deutsche. Das betrifft vor allem Menschen mit muslimischem Hintergrund. Es ist daher eine bewusste Entscheidung, einen Menschen zu zeigen, der eine wahnsinnig wichtige Rolle hat, der Kriminalpolizist ist und zugleich Moslem mit Migrationshintergrund. Davon gibt es nämlich viel mehr, als uns so mancher verzerrt glauben lassen möchte. Was wollen Sie damit zeigen? Ich möchte die Realität abbilden. In Ihrem zweiten "Tatort" hängt im Büro ein Schild, das an die Opfer der rassistischen Tat von Hanau erinnert. Als politisches Statement? Ja. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt. Die Hinterbliebenen wie Armin Kurtović kämpfen bis heute für Gerechtigkeit und ihnen werden seitens Politik und Justiz Steine in den Weg gelegt. Auch im ersten Fall haben wir beispielsweise über Empathie geredet, über Gewissheit, über den Bosnienkrieg. Ich hoffe, dass sich allein durch die Besetzung von meiner "Tatort"-Partnerin Melika Foroutan und mir schon ein kleines bisschen was verändert. Wir wollen dabei nicht den moralischen Zeigefinger heben, aber aufmerksam machen. Warum wird Moral so negativ bewertet? Ich weiß nicht, wann Moral so einen schlechten Ruf bekommen hat. Ich habe nichts dagegen, wenn man auch mal moralisch ist. Aber heutzutage schreckt man die Menschen damit ab. Deshalb bin ich glücklich, wenn der Film als gut befunden wird, er den Zuschauern zugleich eine andere Perspektive zeigt und das hängen bleibt. Mit Blick auf den "Tatort" wirken Sie sehr zufrieden. In einem Podcast haben Sie mal gesagt, dass Sie mit Ihrer Arbeit selten zufrieden seien. Woran liegt das? Ja, es passiert selten, dass ich beruflich von mir begeistert bin. Da ist immer eine große Selbstkritik und Unruhe. Ich kann schwer mal fünfe gerade sein lassen, muss immer noch ein Buch zu einem Thema lesen, noch jemanden dazu fragen oder googlen. Ich bin wie ein Pferd im Stall, das einfach raus möchte. Das liegt an meinem Anspruch an mich, an meine Arbeit, aber auch privat an mein Verhalten, an meinen Umgang mit mir selbst. Letzterem werde ich nicht so oft gerecht wie im Beruf. Aber ich arbeite daran. Vielleicht wird das mit dem Alter ja besser. Der "Tatort: Licht" läuft am Sonntag, dem 30. November 2025, um 20.15 Uhr im Ersten.