Sensible Berliner Daten im Netz: Welche Gefahren drohen nun?
Das Land Berlin hat den Erpressungsversuchen einer kriminellen Hackergruppe nicht nachgegeben - nun stehen große Mengen Daten im Netz. Nicht nur für direkt Betroffene ist das ein Problem. Die Erpresser haben ihre Drohung wahrgemacht: Drei Wochen nach dem gravierenden Hackerangriff auf die Berliner Verwaltung haben die Hacker große Datenmengen veröffentlicht. Die große Sorge ist, dass die sensiblen Informationen nun etwa von Kriminellen ausgenutzt werden könnten. Was bekannt ist und welche Risiken es gibt. Was ist passiert? Vom 7. bis zum 12. August verschafften sich Hacker unbemerkt Zugriff auf Teile des Berliner Landesnetzes und schöpften große Datenmengen ab. Betroffen waren die Senatsverwaltungen für Bauen und für Verkehr. Die Verwaltung bemerkte den Angriff erst am 14. August - und machte ihn drei Tage später öffentlich. Erst nach und nach kam aber heraus, welchen Datenschatz die Kriminellen erbeutet hatten: 1,44 Millionen Dateien mit einem Umfang von 5,8 Terabyte. Ein Terabyte entspricht rund 1.000 Gigabyte. Die Hackergruppe Rhyside forderte ein Lösegeld von 30 Bitcoin - umgerechnet rund zwei Millionen Euro. Dem gab der Senat nicht nach. Nach Ablauf ihres Ultimatums veröffentlichten die Hacker am Freitag dann die Daten im Darknet. Damit ist ein Teil des Internets gemeint, der nicht auf herkömmliche Weise - etwa durch die üblichen Suchmaschinen - auffindbar ist. Nach Angaben des Bundesamts für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) wird die Kommunikation dort verschlüsselt, die Urheber von Inhalten sowie diejenigen, die darauf zugreifen, wollen möglichst anonym bleiben. Um was für Daten handelt es sich? Ein umfassender Überblick ist zum derzeitigen Zeitpunkt noch schwierig - es ist nicht einfach, die riesigen Datenmengen zu durchforsten. Nach Informationen des Chaos Computer Clubs befinden sich darunter etwa personenbezogene Daten von Verwaltungsmitarbeitern - Personalangelegenheiten, Arbeitszeugnisse, Notfallpläne. Der "Tagesspiegel" berichtet, dass die Hacker auch Inhalte veröffentlicht hätten, die für die Sicherheit der Bundesrepublik und der Hauptstadt relevant seien. Den Angaben nach geht es etwa um Daten besonders schützenswerter Einrichtungen wie Heizkraftwerke, Tanklager, Notstromanlagen und Umspannwerke. Auch geheime Daten über Gefängnisse, Wasserwerke und Rüstungsunternehmen, der Bundeswehr und der Berliner Innenverwaltung, die die Verteidigung betreffen, sollen die Hacker geleakt haben. Jochim Selzer, Sprecher des Chaos Computer Clubs, hat sich nach eigenen Angaben einige Unterlagen angeschaut und sensible Informationen über den Zustand der Wasserversorgung in Berlin gefunden. Der IT-Experte Manuel Atug will die Unterlagen im Darknet aus ethischen Gründen nicht selbst einsehen. Aus seriösen Quellen habe er jedoch erfahren, dass die Angaben der Zeitung zumindest im Falle der Informationen über den Zivilschutz und die Rüstungsunternehmen zuträfen. Er ist Gründer und Sprecher der AG Kritis, einer unabhängigen Arbeitsgruppe, die sich mit kritischen Infrastrukturen beschäftigt. Der "Spiegel" berichtet mit Verweis auf eine selbst durchgeführte Stichprobe, es seien zahlreiche Bundesbelange von der Cyberattacke betroffen. So befänden sich darin mehr als 550 Dateien zur Erweiterung des Kanzleramts, darunter Gutachten, Pläne und Stellungnahmen, etwa des Landeskriminalamts. Wie reagieren jetzt die Behörden? Sie versuchen, sich einen Überblick über die veröffentlichten Daten zu verschaffen. "Derzeit führen die Sicherheitsbehörden eine intensive Datenprüfung durch", teilte der Berliner Senat am Freitagabend mit. "Auch IT-Forensiker im Auftrag des Landes Berlin untersuchen die veröffentlichten Daten mit Hochdruck." Daraus würden "die entsprechenden Maßnahmen abgeleitet" - was das konkret heißt, blieb offen. Das Land kündigte aber an: Wenn einzelne Betroffene identifiziert werden, würden diese "risikobasiert und entsprechend der gesetzlichen Vorgaben" informiert. Das Bundesinnenministerium teilte auf Anfrage mit, dass auch Bundesbehörden das Land Berlin bei der Auswertung unterstützen - namentlich das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, das Bundeskriminalamt und der Verfassungsschutz. Ein Sprecher der Bundesregierung erklärte, Datensysteme des Bundes seien nach derzeitigem Kenntnisstand nicht betroffen. Eine Sprecherin des operativen Führungskommandos der Bundeswehr verwies auf die laufende Auswertung durch die zuständigen Sicherheitsbehörden und kündigte an, nach Analyse potenzieller Sicherheitsrisiken würden entsprechende Maßnahmen zur Wahrung der militärischen Sicherheit eingeleitet. "Zwischen den beteiligten Behörden erfolgt ein kontinuierlicher Informationsabgleich, auch über das Nationale Cyberabwehrzentrum." Welche Gefahren birgt die Veröffentlichung? Sollte sich bestätigen, dass unter den Daten sicherheitsrelevante Informationen sind, könnten diese theoretisch von fremden Mächten oder Terroristen für ihre Zwecke ausgenutzt werden. Informationen zu kritischen Infrastrukturen, Unternehmen und Organisationen könnten je nach Sensibilität der Daten eine Erhöhung der Bedrohungslage bewirken, warnt das BSI. Mit Blick auf personenbezogene Daten weist Jochim Selzer vom Chaos Computer Club auf die Gefahr von Identitätsdiebstahl hin. "Je mehr ich über eine Person weiß, desto genauer kann ich mich als diese Person ausgeben, desto genauer kann ich auch einschätzen, was ich von dieser Person wissen muss, zum Beispiel, um in ihrem Auftrag etwas bestellen zu können." Das BSI weist zudem auf eine erhöhte Bedrohung durch gezielte Phishing-Angriffe nach dem Datenabfluss hin. Insbesondere Menschen, die in Kontakt mit betroffenen Personen oder Institutionen standen, sollten deshalb besonders aufmerksam sein. Warum gibt es Kritik? Der IT-Experte Atug wirft dem Land Berlin vor, "grob fahrlässig" gehandelt und Geheimschutz-Vorgaben nicht eingehalten zu haben. Für die Speicherung und Verarbeitung geheimer Verschlusssache-Unterlagen gebe es sehr strenge und genaue Vorschriften sowie mehrere Sicherheitsstufen. Offenbar seien diese nicht ausreichend angewandt worden. Die Gewerkschaft der Polizei in Berlin zeigte sich mit Blick auf die Vorgänge konsterniert. "Er hat Berlins Politik einmal mehr deutlich vor Augen geführt, dass hier über Jahre gepennt wurde", sagte GdP-Landesvize Thorsten Schleheider. "Es kann nicht sein, dass hier tagelang hochsensible Daten geraubt wurden und die einzige Reaktion scheinbar darin besteht, die Beschäftigten anzuweisen, ihre Passwörter zu ändern." Das zeuge schon von einer gewissen Hilflosigkeit. Kann der Vorfall Auswirkungen auf die Berlin-Wahl haben? Am 20. September wird das Berliner Abgeordnetenhaus neu gewählt. Landeswahlleiter Stephan Bröchler sagte der "Bild": "Nach derzeitigem Stand ist die Wahlumgebung weiterhin nicht betroffen. Also weder die Vorbereitung, noch der eigentliche Wahltag, noch der Ablauf bis zur Veröffentlichung des vorläufigen Ergebnisses." Das BSI warnte grundsätzlich, für den politischen Raum bestehe insbesondere vor Wahlen die Gefahr sogenannter Hack & Leak Operationen. Dabei werden gestohlene Dokumente, E-Mails oder Ähnliches zu einem für den Angreifer günstigen Zeitpunkt veröffentlicht und dabei womöglich in einen falschen Zusammenhang gerückt. Dass die kriminellen Hacker im konkreten Fall eine politische Absicht verfolgen, wird laut BSI jedoch nicht vermutet. Man gehe davon aus, dass die Tat "ausschließlich finanziell motiviert" gewesen sei.
