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Trotz AfD: Jan "Monchi" Gorkow bleibt in Jarmen | Feine Sahne Fischfilet

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Einsamkeit, Ärztemangel, Abwanderung: Vorpommern ringt mit alten Problemen, während die Stimmung kippt. Sänger Jan "Monchi" Gorkow schildert, wie Frust politisch genutzt wird. Die meisten Leute, so sagen manche Anwohner, würden Jarmen, wenn überhaupt, nur als Abfahrt der Autobahn A20 in Vorpommern kennen. Auf dem Weg zur Ostsee fahren viele an dem 3.000-Einwohner-Örtchen vorbei. Jan "Monchi" Gorkow ist hier aufgewachsen, bis es den Sänger der Punkrockband Feine Sahne Fischfilet nach Rostock zog. Nach Jahren in der größten Stadt Mecklenburg-Vorpommerns kehrte er in die Provinz zurück und wurde im Februar 2025 mit einer für ihn unangenehmen Wahrheit konfrontiert: 54 Prozent der Wähler in Jarmen hatten bei der Bundestagswahl der in Teilen rechtsextremen AfD ihre Stimme gegeben. t-online trifft den Sänger im Proberaum der Band in der Kleinstadt. Gerade erst hat er sein neues Buch "Jenseits der Brandmauer" veröffentlicht, in dem er über das Leben in der ostdeutschen Provinz schreibt. Im Interview spricht Monchi über Frust auf dem Land, den Umgang mit AfD-Wählern – und darüber, warum Weggehen für ihn keine Lösung ist. AfD-Spitzenkandidat: Der gar nicht so freundliche Herr Siegmund Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern: Die Linke und ihr Schwesig-Problem t-online: Monchi, Ärztemangel, Abwanderung, schlechte Verkehrsanbindung – Sie kennen das alles. Welches Problem in der pommerschen Provinz wiegt am schwersten? Jan "Monchi" Gorkow: Oh Gott, ich bin doch kein Wissenschaftler. Wenn ich aber ein Problem benennen muss, dann dass unsere Region immer älter wird. Das wird auf der Langstrecke ein großes Problem. Ich lebe da, wo mehr Rollatoren auf der Straße sind als Kinderwagen. Was bedeutet das für Sie? Ich schaue zum Beispiel auf die Schulen in der Region. Wird meine Tochter noch eine Schule haben? Vermutlich ja, aber langfristig könnte das ein Problem werden, wenn immer mehr eingekürzt wird. Das Gleiche mit den Ärzten: Wie viele Leute werden herkommen und Praxen übernehmen? Im schlimmsten Fall werden weniger Ärzte kommen, obwohl es durch die Alterung immer mehr Patienten gibt. Ich denke, das ist für viele ländliche Regionen auf lange Sicht das drängendste Problem. Wie ist es für ältere Menschen, in Vorpommern zu leben? Vereinsamung ist für viele ein Problem. Mir hat mal jemand aus Jarmen gesagt, dass er sich immer freut, wenn die Post mal klingelt und den "Blitz" (ein Anzeigenblatt in Mecklenburg-Vorpommern, Anm. d. Red) vorbeibringt. Manche verbringen sicher viel Zeit nur mit sich selbst. Aber ich will nicht nur schwarzmalen: Die Volkssolidarität und andere Initiativen sind aktiv, um dem entgegenzuwirken. Mittel- bis langfristig werden sich jedoch intensive Fragen zur Überalterung stellen. Was muss passieren, damit junge Menschen sagen: "Ich bleibe hier"? Darauf gibt es nicht die eine Antwort, das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Familie ist dabei sehr wichtig – zumindest geht es mir so. Ich lebe gern in der Nähe meiner Familie. Aber man lebt auch nicht von Luft und Liebe: Ich habe mir gemeinsam mit der Band das Privileg erarbeitet, mir aussuchen zu können, wo ich lebe. Ich habe viele Freunde, die weggezogen sind, gern wiederkommen würden, denen aber die Perspektive dafür fehlt. Was fehlt ihnen? Es gibt hier zum Beispiel keine große Auswahl, was Jobs angeht. Klar, es wäre toll, wenn so ein Ort mit mehr Leben gefüllt wird. Das versuchen wir als Feine Sahne Fischfilet: Wir haben einen Skatepark gebaut und organisieren jedes Jahr das Dorffestival "Wasted in Jarmen", das bald wieder stattfindet. Aber natürlich hilft nicht nur Kultur, es braucht auch wirtschaftliche Möglichkeiten, eine bessere Anbindung und vieles mehr. Ich habe keinen Bock, hier alles rosig zu malen, aber der Totengräber will ich auch nicht sein. Ein abgehängter Ort ist Jarmen auch nicht. Wenn man an einem normalen Wochentag durch die Kleinstadt läuft, ist hier viel Leben zu sehen. Deswegen habe ich auch keinen Bock auf Jammerlappen. Natürlich gibt es Probleme, große Unterschiede zwischen Ost und West, die Wende, weniger Erbe, unterschiedliche Gehälter – gar keine Frage. Aber so zu tun, als wären wir hier die letzten Hinterwäldler, ist einfach Quatsch. Wenn man mal auf Fotos vergleicht, was in den vergangenen 30 Jahren hier passiert ist, dann ist das erstaunlich. Jarmen ist kein toter Ort. Aber es steht hier schon auf der Kippe. Inwiefern? Wenige Leute machen viel. Es gibt Kultur- und Sportvereine, es gibt Initiativen. 30 bis 50 Menschen hier im Ort reißen sich den Arsch auf. Und wenn die wegfallen, dann würde das hier in der Gemeinde vieles zum Negativen verändern. Aber diese Leute sind da und das auch schon lange. Darauf muss man sich mehr konzentrieren, das ist für die eigene Seele wichtig. Wahlumfragen in Mecklenburg-Vorpommern: Chance auf eine Koalition wächst Bald SPD-Parteivorsitzende? Das sagt Manuela Schwesig Was meinen Sie damit? Es ist nirgendwo immer einfach. Aber es gibt hier auch so eine Mecker-Kultur, die die AfD für sich nutzt. Diese Partei redet manche Leute in eine Depression hinein: Alles sei schlecht. Aber man kann viele Dinge aus anderen Blickwinkeln betrachten: Vieles ist toll und einiges ist scheiße. Erklären Sie so die 54 Prozent, die die AfD bei der Bundestagswahl 2025 in Jarmen erreicht hat – mit einer Mecker-Kultur? Ich will eigentlich nichts mehr erklären. Ich bin für mich über den Punkt hinaus, dass ich es mir einfach mache und alles Schwarz-Weiß sehe. Auf die Frage gibt es Hunderte Antworten, und ich kenne bei Weitem nicht alle. Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Leute AfD wählen. Aber: Die AfD ist nicht stark, weil sie starke Politik macht, sondern weil die anderen so schwach sind. Erklären Sie das bitte. Die AfD muss nicht viel machen, um präsenter zu sein als andere Parteien. Der Stammtisch, den sie hier zwei-, dreimal im Jahr veranstalten, reicht schon. Es gibt Politiker anderer Parteien, die für die Region brennen, aber die werden das Ruder vor den Landtagswahlen nicht mehr herumreißen. Dafür wurde auch in Berlin zu viel eingerissen. Für die AfD ist es dann total einfach, von der Seitenlinie aus auf Berlin zu zeigen und zu sagen: "Guckt mal. Meint ihr echt, wir machen es schlechter?" Damit treffen die einen Nerv. Der Groll gegen Berlin ist in Ihrem Buch eines der Hauptargumente für den Aufstieg der AfD in der Provinz. Ich habe hier in Jarmen eine öffentliche Lesung gemacht, als das Buch veröffentlicht wurde. Da kamen auch AfD-Wähler, und einer sagte zu mir: "Mensch Monchi, ich habe mir dein Buch gekauft." Ein anderer sagte neulich im Netto zu mir: "Ich finde ja nicht alles gut, was du machst. Jetzt habe ich dein Buch gelesen und finde es gar nicht so schlecht. Aber mit Merz brauchst du mir nicht zu kommen." Das will ich ja auch gar nicht. Das sind Diskussionen, die ich immer wieder führe. Und immer wieder geht es um bundespolitische Themen, obwohl die jetzt vor den Landtagswahlen hier nicht viel zu suchen haben. Sie sind deutschlandweit als Linker bekannt und vertreten Ihre Meinung auch gegen Widerstände. Wie halten Sie solche Diskussionen aus? Das ist schon ermüdend und ich habe nicht immer Lust auf Streit. Aber so ist das auf dem Land, hier kann man sich nicht aus dem Weg gehen. Das verstehen viele Menschen nicht, die nichts mit der Provinz zu tun haben. Als ich noch in Rostock gelebt habe, war es viel leichter, alle AfD-Wähler über einen Kamm zu scheren. Aber ich bin auch mein Leben lang zu Hansa Rostock gefahren, da triffst du auf Leute mit verschiedenen politischen Einstellungen. Ich habe nie nur in Blasen gelebt, aber auf dem Dorf ist alles noch mal purer. Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern: Marteria hat "keinen Bock" auf die AfD Marteria über Fehler und die AfD: "Ich habe mich in Therapie begeben" Wenn Sie sagen, AfD-Wähler stimmten vor allem gegen Berlin – können Kommunalpolitiker dann überhaupt etwas erreichen? Es gibt hier viele Leute, die was reißen, die sich engagieren. Deswegen hat sich Jarmen ja so entwickelt. Aber die Leute sagen diesen Politikern dann zum Beispiel: "Toll, was du machst. Aber ich will mit der SPD nichts zu tun haben." Also haben die Menschen vor allem ein Problem mit den Parteien? Auch. Es gibt hier keine Parteienbindung wie in anderen Regionen Deutschlands. Unser Bürgermeister André Werner: geiler Typ, der sich reinhängt, alle wissen das. Und er gehört zur Freien Wählergemeinschaft. So sieht das in vielen Kleinstädten aus. In Anklam, wo Neonazis teils sehr stark und organisiert sind, hat der Bürgermeister Michael Galander haushoch gegen den AfD-Kandidaten gewonnen. Auch er gehört zu einer Wählergemeinschaft. Die Leute nehmen also schon wahr, wenn Politiker für ihre Region brennen. Aber die Parteien transportieren immer auch die Bundespolitik. Rechnen Sie bei der Landtagswahl für Jarmen wieder mit einem AfD-Ergebnis, das in Richtung der 54 Prozent wie bei der Bundestagswahl liegt? Keine Ahnung. Voriges Jahr hatte auch kaum jemand mit diesem Ergebnis gerechnet. Vielleicht wird es dieses Mal weniger. Ich habe trotz allem das Gefühl, dass einige Leute noch zwischen kommunaler, Landes- und Bundespolitik differenzieren. Aber eine Prognose will ich nicht abgeben. Sie suchen in Jarmen auch aktiv das Gespräch mit AfD-Wählern. Wie läuft das ab? Es gibt natürlich total verhärtete Leute und Überzeugungsnazis. Da kannst du machen, was du willst. Du wirst nichts verändern. Die gab es schon immer. 54 Prozent der Leute – das gab es aber noch nie. Längst nicht alle sind Nazis. Oft rede ich mit jemandem und dann kommt mir im Gespräch dieser Gedanke: "Du jetzt auch?" Aber ich kann nicht in die Köpfe der Leute schauen. Bringt es dann überhaupt etwas, mit den Leuten zu reden? Weiß ich nicht. Aber würde es etwas bringen, sich in einer Großstadtblase einzuschließen und nicht zu reden? Ich lebe da, wo ich mir das gar nicht aussuchen kann. Wir machen hier dieses Fest und dann kommen Kids, deren Familien sicher nicht immer so ticken wie wir. Und die fragen, ob sie uns helfen können, bringen sogar noch Freunde mit. Das sind Momente, die mir Kraft geben. Ich denke dann: Dafür hat es sich gelohnt. In Ihrem Buch prangern Sie das Konzept der Brandmauer an. Wie sieht das in Mecklenburg-Vorpommern aus? Auf der gesellschaftlichen Ebene gibt es die Brandmauer nicht. Und auch auf kommunalpolitischer Ebene existiert sie nicht mehr. Ob ich das gut oder schlecht finde, ist dabei irrelevant. Ich lebe da, wo es egal ist, wie ich die Brandmauer finde. Wenn die AfD nicht an die Macht kommt, dann ist das gut. Ich will aber nicht so lange wie ein Kaninchen vor der Schlange sitzen und darauf hoffen, dass die Brandmauer nicht fällt. Was könnte passieren, wenn sie endgültig fällt? Das kann ich kaum beantworten. Die Lösung kann zumindest nicht sein, dass alle von hier abhauen. Das Erste, was wir auf dem "Wasted in Jarmen"-Festival dieses Jahr machen werden, ist ankündigen, dass wir es nächstes Jahr wieder machen – egal, wer dann in Schwerin an der Macht ist. Das ist auch ein Signal an die AfD. Was wollen Sie der Partei damit sagen? Wir sind hier, wir lieben es hier, wir sind hier am Start. Selbst wenn es stürmisch und der Ton rauer wird. Das muss die AfD verstehen. Die denken sich nämlich jetzt schon, dass sie sowieso gewonnen haben. Dass alle vor ihnen Angst haben. Das beflügelt diese Partei auch. Mit dem Dorffestival und anderen Projekt nehmen Sie und die Band viele Dinge selbst in die Hand – "Machen statt meckern" scheint das Motto zu sein. Hat nicht auch der Staat Verantwortung, ländliche Regionen zu fördern? Manche staatliche Strukturen sind ganz klar dafür verantwortlich, dass einige Regionen in Deutschland ausbluten und vernachlässigt werden. Ich kann das auch offen ansprechen. Aber macht es das besser? Dann müsste ich auf Politiker, Parteien und auf Wahlen hoffen. Darauf, dass sie verstehen, dass Politik nicht nur für die Großstadt gemacht wird. Denn natürlich braucht es auch politische Konzepte, um etwa dem Ärztemangel entgegenzutreten. Ich will aber nicht darauf warten, dass der Staat alles für mich regelt. Das machen viele AfD-Wähler schon. Lassen Sie uns zum Abschluss nach vorn schauen: Was braucht es, damit Sie in fünf Jahren sagen können, dass es in dieser Region in die richtige Richtung geht? Von Wahlergebnissen will ich mich dabei nicht abhängig machen. Dass wir aber dann noch das "Wasted in Jarmen" veranstalten können, mit den Leuten hier vor Ort und Leuten aus Ost und West, das wünsche ich mir. Denn das steht dafür, dass die Welt noch nicht untergegangen ist. Monchi, vielen Dank für das Gespräch.