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Fußball und Alkohol: Suchthilfe im Fußball-Stadion: „Man kämpft ein Leben lang“

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Freigetränk statt Freibier, ein Notfallknopf bei Whatsapp und „ungeheures Vertrauen“: So unterstützen sich suchtkranke Fans bei Union Berlin und machen Stadion-Erlebnisse ohne Rückfallsorgen möglich.

Es war die Sorge um einen geliebten Menschen, die bei Union-Berlin-Fan Steffen an 30 Jahren Alkohol-Abstinenz rüttelten. Seine Frau musste in einer lebensbedrohlichen Situation notoperiert werden. „Sie hat Glück gehabt, dass sie noch lebt“, erzählt der 61-Jährige. „Wenn Jägermeister im Haus gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich getrunken nach 30 Jahren. Man kämpft ein Leben lang.“

Seit 1994 ist Steffen trockener Alkoholiker und blieb es auch an diesem Tag. Seine Familie und besonders seine Frau haben ihn darin immer unterstützt, sagt er. Doch der Unioner hat bei seinem Herzensverein noch ein zweites Netz gefunden: die Selbsthilfegruppe „Nüchtern betrachtet... mehr vom Spiel“. Steffen ist Gründungsmitglied und Sprecher der Gruppe, die 2019 von Margitta Zogbaum, einer Sozialarbeiterin in Rente, ins Leben gerufen wurde. 

Treffen über der Fankneipe „Abseitsfalle“

Ähnliche Gruppen gibt es auch bei anderen Fußballclubs. Die „Weiß-braunen Kaffeetrinker*innen“ beim FC St. Pauli gelten als Vorreiter, sie fanden sich vor 30 Jahren zusammen. Beim Hamburger SV gibt es „Klar Schiff“, in Gelsenkirchen „Schalke Null Bier“.

Jeden Dienstag trifft sich „Nüchtern betrachtet“ in der Nähe vom Stadion An der Alten Försterei, in einem Raum über der bekannten Fankneipe „Abseitsfalle“. 15 bis 20 Leute sind meist dabei. „Gelistet sind zurzeit bei uns fast 40, die aus allen Richtungen kommen: Drogen, Alkohol, Spielsucht, alles“, sagt Steffen. Jeder kann dort seine Sorgen loswerden, erzählen, wie es ihm geht. Und natürlich wird auch viel über Union Berlin gefachsimpelt.

„Das Hauptaugenmerk liegt bei uns nicht darauf, den Alkohol zu verbieten. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, suchtkranken Unionern wieder den Stadionbesuch zu ermöglichen“, betont der 61-Jährige. 

Der Suchtforscher Daniel Deimel hält das für einen guten Ansatz, weil die Omnipräsenz von Alkohol im und um das Stadion eine große Herausforderung für Suchtkranke sei. Es sei sehr gut, dass durch die Gruppe „eine gewisse Sicherheit vermittelt wird, dass ein Stadionbesuch nicht zwangsläufig in einem Rückfall enden muss, sondern dass man sich da solidarisiert, zusammentut, gegenseitig unterstützt und dann dort unterwegs ist.“

Steffen fährt seit 1979 mit einigen Unterbrechungen zu Union. Er habe fast jedes DDR-Fußballstadion gesehen. „Aber frag mich bitte nicht, wie sie aussehen. Das war immer unter Alkoholeinfluss“, erzählt er. Bis er einen Entzug machte.

„Wenn sie nicht gleich was tun, sind sie in einem halben Jahr tot.“

Jockel rutschte nach dem Tod seiner Frau tief in die Alkoholsucht bis seine Ärztin ihm sagte: „Wenn sie nicht gleich was tun, sind sie in einem halben Jahr tot.“ In der Entgiftung entdeckte er einen Flyer von „Nüchtern betrachtet“. „Seitdem ist die Gruppe für mich ein großer Halt. Union ist für mich ein Riesenhalt“, sagt der 59-Jährige.

Mit der Gruppe geht das ehrenamtliche Engagement längst über die Treffen an sich hinaus. Man gehe die Gruppe vertreten in Krankenhäusern, sagt Jockel, „in die Suchtstationen gehen wir. Das machen wir einmal im Monat und versuchen da Unioner von unserem Weg zu überzeugen.“

Gerade sind sie dabei, in Köpenick ein Netzwerk mit den Suchthilfeeinrichtungen aufzubauen. „Um auch unseren Leuten, die in unsere Gruppe kommen, schnelle Möglichkeiten zu geben, in Therapie zu gehen, in den Entzug zu gehen“, sagt Steffen. Denn das ist allen bewusst: Professionelle Hilfe können und wollen sie nicht ersetzen.

Der Fußball-Bundesligist Union legt viel Wert darauf, sein familiäres Umfeld beizubehalten. Der Club steht hinter der Gruppe. Präsident Dirk Zingler grüßt freundlich, als er beim Interview am Stadion vorbeiläuft. 

Bei dem Gang über die Tribünen beim Testspiel gegen Ipswich Town werden Steffen, Jockel und Stefan von vielen freundlich begrüßt. „Es wird immer mehr, dass die Leute uns auch im Stadion ansprechen: „Hey, ich frag mal für 'nen Freund"“, sagt Steffen. Das Thema soll weiter enttabuisiert werden, wie Jockel sagt. „Einfach darüber reden, es wie eine Krankheit behandeln und nicht wie die Pest.“

Auch für die Stadionbesuche hat „Nüchtern betrachtet“ schon einiges erreicht. So konnte die Gruppe Zingler und Kommunikationschef Christian Arbeit bei einem Gespräch überzeugen, dass es bei besonderen Anlässen nicht mehr Freibier, sondern Freigetränke gibt. 

Notfallknopf bei Whatsapp

Stefan, seit 2022 fest bei Union dabei, verweist auf einen weiteren Erfolg. „Wir haben auch mit dafür gesorgt, dass es alkoholfreies Bier hier im Stadion gibt. Noch nicht 0,0, sondern reduziert, aber das ist ein erster Schritt“, sagt der 62-Jährige. Ein weiteres Ziel: Im neu gebauten Stadion soll es auch Getränkestände geben, an denen kein Bier verkauft wird.

In der gemeinsamen Whatsapp-Gruppe gibt es sogar eine Art Notfallknopf. Wer sich etwa kurz vor einem Rückfall sieht, kann ein bestimmtes Foto posten. „Dann meldet sich einer von der Gruppe und redet mit dem“, erklärt Jockel. „Und dann kommt der am nächsten Dienstag wieder in die Gruppe und dann redet man darüber.“ Es herrsche ein „ungeheures Vertrauen“ zwischen den Mitgliedern, freut sich Stefan. 

Das nächste große Projekt steht schon fest: den Aufbau eines deutschlandweiten Netzwerks mit möglichst allen ähnlichen Gruppen aus den drei obersten Ligen voranzutreiben.