Bundestrainer Jürgen Klopp muss einigen DFB-Stars den Rücktritt nahelegen
Julian Nagelsmann ist als Bundestrainer gescheitert. Sein Nachfolger soll die DFB-Elf nun wieder auf Erfolgskurs bringen – und hat dabei einiges an Arbeit vor sich. Am Ende ging doch alles ganz schnell. Nachdem Julian Nagelsmann unmittelbar nach dem enttäuschenden WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft gegen Paraguay Ende Juni seinen Rücktritt zunächst ausgeschlossen hatte, folgte nur wenige Tage später die Kehrtwende. Der 38-Jährige entschied sich zu Monatsbeginn, sein Amt als Bundestrainer niederzulegen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) befand sich seitdem auf der Suche nach einem Nachfolger für Nagelsmann – und hat ihn jetzt mit Jürgen Klopp gefunden. Nach WM-Aus: Völler-Rücktritt könnte kommende Woche Realität werden Kroos: "Handelnde Personen nicht die richtigen" Deutschlands WM-Quartier: Auf ewig Teil der Geschichte einer Blamage Dass der ehemalige BVB- und Liverpool-Coach sich der Aufgabe annehmen wird, die sportliche Irrfahrt der schon seit Jahren kriselnden Nationalelf zu beenden, galt schon lange als offenes Geheimnis. Denn: Seine Bereitschaft hatte Klopp bereits früh signalisiert. Mit seinem Dienstantritt hat der neue Bundestrainer nun mehrere Baustellen zu beheben, um das DFB-Team langfristig zurück in die Erfolgsspur zu bringen. Auf Nagelsmanns Erben wartet ein Mammutprojekt. Die Frischzellenkur fordert wohl prominente Opfer Zu erwarten ist bei der deutschen Nationalmannschaft ein gewaltiger Umbruch. Diesen mit aller Konsequenz einzuleiten und durchzuführen, wird zur Hauptaufgabe Klopps. Dabei muss er möglicherweise auch auf den ersten Blick unpopuläre Entscheidungen treffen – besonders mit Blick auf die Spieler. Nach dem Ausscheiden gegen Paraguay hat abgesehen von Torhüter Manuel Neuer noch kein weiterer Star erklärt, künftig nicht mehr für die deutsche Auswahlmannschaft auflaufen zu wollen. Dass das DFB-Team hinsichtlich seines Kaders aber dringend eine Frischzellenkur benötigt, ist unübersehbar. Dabei obliegt es nun Bundestrainer Klopp, nicht nur neue Jungprofis an die Nationalelf heranzuführen, sondern auch einigen langjährigen DFB-Stars zu verdeutlichen, dass sie künftig keine Berücksichtigung mehr finden werden. Gemeint ist damit die Generation an Spielern, die trotz ihrer enormen Qualität eng mit den Misserfolgen der vergangenen Jahre verknüpft ist. Leon Goretzka und Antonio Rüdiger waren beispielsweise bereits 2018 beim enttäuschenden WM-Vorrunden-Aus in Russland Teil des deutschen Aufgebots. Jonathan Tah und Leroy Sané gehörten sogar schon zwei Jahre zuvor bei der EM 2016 in Frankreich erstmals zu einem Turnierkader des DFB – genauso wie übrigens auch Joshua Kimmich . Der bei der WM verletzt ausgefallene Serge Gnabry ist ebenfalls mittlerweile fast zehn Jahre Teil der Nationalmannschaft. Was all diese Spieler eint: Ihnen gelang es unter drei verschiedenen Bundestrainern nie, sportlich konstant das abzurufen, was sie auf Vereinsebene überhaupt erst in die Nationalmannschaft gebracht hatte. Zudem ist keiner von ihnen unter 30 Jahre alt. Da der Wunsch nach Veränderung beim DFB in diesen Tagen groß ist, wird Klopp mit dem einen oder anderen prominenten Spieler also ein unangenehmes Gespräch suchen und ihm zum Wohle der Nationalmannschaft einen Rücktritt nahelegen müssen. Kimmichs Position muss festgelegt werden Kapitän Kimmich kommt in der Debatte um die zukünftige Ausrichtung der Nationalmannschaft dennoch wahrscheinlich eine Sonderrolle zu. Auf den wortstarken Anführer der deutschen Elf wird auch Klopp als Bundestrainer kaum verzichten wollen. Der Bayern-Star dürfte damit weiterhin auf sämtlichen Ebenen der Dreh- und Angelpunkt des Teams sein. Um das aber vor allem sportlich auch zu gewährleisten, muss Klopp in der Causa Kimmich von Beginn an Fakten schaffen. Denn was die WM gezeigt hat: Als Rechtsverteidiger agiert der 31-Jährige deutlich schwächer als auf seiner Paradeposition im zentralen Mittelfeld. Die schon seit einer halben Ewigkeit währende Diskussion um den idealen Platz für den Schlüsselspieler der Mannschaft gilt es deshalb frühzeitig zu beenden, um dann die Problemzone auf der rechten Defensivseite effektiv angehen zu können. Mit Stuttgarts Innenverteidiger Finn Jeltsch oder Bayerns Mittelfeldmotor Tom Bischof gibt es gleich zwei Toptalente, die zwar nicht dauerhaft auf der Außenverteidigerposition zum Einsatz kommen, jedoch auf ihr bereits erprobt sind. Unklarheiten muss Klopp derweil auch an anderen Stellen im Kader beseitigen. So etwa in der Torhüterfrage, die nach der WM erneut über der DFB-Elf schwelt. Manuel Neuer ist Geschichte, Oliver Baumann bereits 36 Jahre alt. Auch der Hoffenheimer könnte ein Kandidat für einen vom Nagelsmann-Nachfolger nahegelegten Rücktritt sein, um Raum für die neue Generation zu schaffen. Zu der gehören zweifelsohne Bayern-Schlussmann Jonas Urbig , Freiburgs Noah Atubolu, Ex-Bremen-Torhüter Mio Backhaus und Stuttgarts Dennis Seimen. Sie alle könnten Deutschlands künftige Nummer eins werden. Entscheidend dürfte aber auch sein, welchen Umgang Klopp mit dem eigentlichen Stammtorhüter der deutschen Mannschaft wählt. Denn Neuers ewiger Schattenmann Marc-André ter Stegen , der die WM verletzt verpasste, wird seine Chance, endlich mal bei einem Großturnier zwischen den Pfosten zu stehen, nicht einfach aufgeben wollen. Ob der mittlerweile auch schon 34-Jährige diese Möglichkeit erhält, sollte durch Klopp vom Start weg kommuniziert werden, um keine unnötige Unruhe beim Neuaufbau der Mannschaft aufkommen zu lassen. Klopp muss Überzeugungsarbeit leisten Eine gelungene Kommunikation ist auch ganz grundsätzlich das Stichwort für Klopp. Gleich in mehreren seiner Aufgabenbereiche wird es für ihn darauf ankommen, sowohl die richtigen Worte zu finden als auch die passende Tonalität an den Tag zu legen. So dürfte er bei einigen Talenten möglicherweise Überzeugungsarbeit leisten müssen, damit sie sich künftig auch wirklich für die deutsche Mannschaft und nicht für eine andere Nation entscheiden. Bestes Beispiel in diesem Zusammenhang ist der Ex-Hannoveraner Nicolò Tresoldi, der aktuell für Deutschlands U21 spielt, aber aufgrund der Herkunft seiner Eltern vom italienischen und argentinischen Verband bereits in Visier genommen wurde. Kampf um Top-Talente: Der DFB hat eine Herausforderung, gegen die er wenig tun kann Zuletzt waren dem DFB immer mal wieder Jungprofis mit viel Potenzial auf diese Art und Weise entronnen – auch, weil ihnen in der A-Nationalmannschaft keine echte Perspektive geboten wurde. Die muss der neue Bundestrainer jetzt aber vor allen den Fans in Aussicht stellen, sich dabei zudem in schonungsloser Ehrlichkeit und Realismus üben. Dass die DFB-Auswahl bezüglich der Qualität ihrer Spieler momentan nicht das Top-Niveau anderer Nationen besitzt und damit in den kommenden Jahren keinen unmittelbaren Titelkandidaten darstellt, gilt es von Klopp sowohl intern als auch extern mindestens einmal ungeschönt auszusprechen. Der Effekt: Der Ist-Zustand wird unterstrichen und keine falschen Erwartungen werden geschürt. Aus dieser Position heraus erfolgt der Versuch zur Rückkehr in die Weltspitze letztlich mit deutlich weniger Druck. Es braucht einen Menschenfänger Wichtig ist aber auch, dass Klopp die Fans bei der Entwicklung der Mannschaft mitnimmt, etwa seine Personalentscheidungen nachvollziehbar erklärt. Nagelsmann hatte seine Pläne oft nicht ausreichend erläutert, in seiner Geheimniskrämerei manchmal sogar fast arrogant gewirkt und auch ganz generell kommunikativ wiederholt danebengegriffen. Dementsprechend führten viele seiner Entscheidungen und Aussagen in der deutschen Öffentlichkeit zu Unverständnis, Ärger oder gar Empörung. Mit der Zeit bildete sich so eine emotionale Kluft zwischen dem Trainer, seiner Mannschaft und den Anhängern. Die Entstehung eines solchen Missverhältnisses kann sich Klopp nun nicht erlauben. Sonst droht ihm schnell dasselbe berufliche Schicksal wie Nagelsmann. Für den sportlichen Erfolg muss er deshalb anders als sein Vorgänger als Menschenfänger agieren, sprich das Feuer rund um die Nationalmannschaft bei Spielern und Fans neu entfachen. Klopps großer Vorteil: Er hat genau diese Fähigkeiten in seiner Zeit in Mainz, Dortmund und Liverpool perfektioniert. Der als Energiebündel bekannte Coach wird deshalb auch wissen, dass die emotionale Verfassung der Stars beim Abrufen ihrer bestmöglichen Leistung eine nicht unerhebliche Rolle spielt – wie auch der Rückhalt im eigenen Land. Beides im Auge zu behalten, wird für Klopp bei der Revitalisierung der Nationalmannschaft unweigerlich von zentraler Bedeutung sein.
