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Großbritannien: Eine Geschichte royaler Straftäter

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Ex-Prinz Andrews Festnahme ist eine dunkle Stunde für die britische Monarchie. Doch er ist nicht der einzige Royal, der im Verdacht steht, sein Land verraten zu haben.

Zu seinem 60. Geburtstag im Februar 2020 läuteten noch ganz offiziell landesweit die Kirchenglocken zu Ehren von Prinz Andrew, Herzog von York, Lieblingssohn der damals regierenden Monarchin Elizabeth II. 

Seitdem ist viel passiert: Gegen den mittlerweile titellosen Royal kamen immer mehr belastende Beweise in Bezug auf mögliche Straftaten heraus, durch die schrittweise Veröffentlichung der Epstein-Akten. Schließlich sah der aktuelle König und ältere Bruder Charles III. sich gezwungen, öffentlich bekanntzugeben, er werde die Ermittlungen der Polizei gegen seinen Bruder auf Anfrage jederzeit unterstützen.  

Es war Donnerstag kurz nach acht Uhr morgens, als sechs nicht markierte Polizeifahrzeuge auf das Gelände von Wood Farm auf dem königlichen Anwesen Sandringham in Norfolk einbogen. Der Mann, der dort seit dem 3. Februar übergangsweise seinen Wohnsitz genommen hatte und früher als Prinz Andrew bekannt war, feierte an diesem Donnerstag, den 19. Februar 2026, seinen 66. Geburtstag – und rechnete offenbar nicht damit, dass statt Gratulanten nun in zivil gekleidete Polizeibeamte an seine Tür klopfen würden. Laut Augenzeugenberichten verließ Andrew Mountbatten-Windsor kaum eine halbe Stunde später mit Polizeischutz der ganz anderen Art das Haus; er war wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch verhaftet worden. 

Konkret geht es dabei um den Vorwurf, er habe in seiner früheren Rolle als britischer Handelsgesandter von 2001 bis 2011 vertrauliche Dokumente an den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein weitergeleitet. Die Epstein Files, jenes millionenseitige Konvolut aus dem US-Justizministerium, scheinen die Verbindungen schwarz auf weiß zu belegen.

Doch so beispiellos dieser Moment auch wirkt – die britische Monarchie hat schon früher in den Abgrund geblickt, wenn es um Verrat, Geheimnisse und die Frage ging: Sind vor dem Gesetz wirklich alle im Land gleich?

Charles I.: Krone vor Gericht  

Es war 1649, als England den ungeheuerlichsten Rechtsakt seiner Geschichte vollzog: Ein König wurde vor ein parlamentarisches Tribunal gestellt – nicht als Privatmann, sondern als Monarch. Charles I., das Oberhaupt der Stuart-Dynastie, stand dort, des Hochverrats angeklagt, allerdings in einer Form, die die Rechtsgeschichte bis heute beschäftigt. Die Anklage lautete nicht auf Verrat am Staat, sondern auf Verrat am Volk durch die Ausübung tyrannischer Herrschaft. Der Monarch weigerte sich, die Legitimität des Gerichts anzuerkennen. Er, der König von Gottes Gnaden, sollte sich vor irdischen Richtern verantworten? In seinen Augen undenkbar.

Das Gericht sah das anders. Am 27. Januar 1649 wurde Charles I. für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Drei Tage später wurde er vor dem Banqueting House in Whitehall im Herzen Londons enthauptet. Die Monarchie selbst wurde abgeschafft. Seine Familie musste ins Exil nach Frankreich fliehen.

Was Charles I. und den aktuellen Fall Andrew Mountbatten-Windsors verbindet, ist die ewige Frage in der Rechtsphilosophie: Gibt es einen Raum über dem Recht, der durch Geburt, Titel oder Amt geschützt ist? Premierminister Sir Keir Starmer sagte dazu, niemand stehe über dem Gesetz.  

Edward VIII.: Pakt mit dem Feind  

Eine andere, noch direktere historische Parallele zum Fall Andrew ist erschreckend nahe dran an dem Sachverhalt, den die Epstein-Files heute nahelegen. Es ist die Geschichte von Eduard VIII., der 1936 abdankte, um die zweimal geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson zu heiraten, und danach als Herzog von Windsor bekannt war.

Was Edward VIII. nach seiner Abdankung tat, gehört zu den meistdiskutierten und bis heute nicht vollständig aufgeklärten Kapiteln der britischen Geschichte. Der deutsch sprechende Herzog und seine nachweislich dem Nazi-Regime zugeneigte Frau pflegten schon seit den frühen 1930er Jahren recht enge Kontakte zu führenden NS-Größen. 1937, im Jahr nach Edwards Abdankung, besuchten beide Deutschland und trafen sich dabei unter anderem mit dem Führer Adolf Hitler – ein Besuch, der in der Wochenschau propagandistisch ausgeschlachtet wurde. 

Allerdings sollte es nicht bei Höflichkeitsbesuchen und Sympathiebekundungen bleiben. Britische und amerikanische Geheimdienste sammelten im Laufe des Zweiten Weltkrieges Hinweise darauf, dass Edward vertrauliche militärische und strategische Einschätzungen an Nazi-Deutschland weitergegeben haben könnte. Gemeint ist vor allem der Zeitraum, in dem er von der britischen Regierung als Gouverneur der Bahamas eingesetzt wurde – eine Position, die ihn in (vermeintlich) sicherer Entfernung von Europa hielt, ihm aber dennoch Zugang zu sensiblen Informationen ließ.

Die sogenannten ‚Windsor Akten‘, seit den 1950er Jahren in deutschen und amerikanischen Archiven, dokumentieren Kontakte zwischen dem Herzog und Vertretern des NS-Regimes über neutrale Dritte in Spanien und Portugal. Einige Historiker gehen davon aus, dass er unter anderem militärische Gegebenheiten in Großbritannien und sogar Details zum Aufbau des Buckingham Palastes preisgegeben habe, um gezielte Bombardements im Luftkrieg über England zu erleichtern – in der Hoffnung, nach einem deutschen Sieg wieder als Monarch eingesetzt zu werden, mit ‚Königin Wallis‘ an seiner Seite.

Warum wurde Edward VIII. nie verhaftet, nie angeklagt, nie vor Gericht gestellt? Die Antwort darauf ist ernüchternd und liegt in der Natur der Monarchie selbst: Ein öffentlicher Prozess gegen den ehemaligen König hätte das Ansehen der Krone beschädigt, die Moral der Bevölkerung im Krieg geschwächt und das Haus Windsor in seiner Gesamtheit diskreditiert. Churchill und das Establishment zogen es vor, Edward VIII. zu isolieren, zu beobachten und zu schweigen. Das Recht machte vor der Dynastiepolitik Halt.

Andrew Mountbatten-Windsor: Das Gesetz nimmt seinen Lauf

Genau das ist es, was den Fall Andrew von jedem historischen Präzedenzfall unterscheidet. König Charles III. erklärte nach der Verhaftung seines Bruders: „Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen.“ Es sind Worte, die seine Vorgänger so nie hätten aussprechen können – oder wollen. Bei Charles I. war der König selbst angeklagt. Bei Ex-König Edward VIII. schützte die Krone ihren eigenen Skandal, das strafrechtlich relevante Verhalten eines der Ihren, mit dem Mantel des Schweigens. 

Heute dagegen stellt der Monarch sich hinter das Recht, nicht hinter den Mann – denn in britischen Gerichten wird bis heute im Namen der Krone, also in seinem Namen, Recht gesprochen, daher musste Charles III. schließlich so handeln, als die Beweislast gegen seinen Bruder immer erdrückender wurde.

An den laufenden Ermittlungen sind mehrere regionale Polizeibehörden sowie die Londoner Metropolitan Police beteiligt. Auch die National Crime Agency, eine britische Behörde in ihren Aufgaben ähnlich dem US-amerikanischen FBI, unterstützt die Ermittlungen. Diese Dimension ist enorm. Was Andrew Mountbatten-Windsor konkret vorgeworfen wird, ähnelt tatsächlich strukturell dem, was Edward VIII. nie strafrechtlich angelastet wurde: der Weitergabe sensibler staatlicher Informationen an eine Person, die feindlichen oder kriminellen Interessen dient. Damals war es Nazi-Deutschland. Heute ist es Jeffrey Epstein, ein verurteilter Sexualstraftäter, dem Verbindungen zu Geheimdiensten mehrerer Länder nachgesagt wurden.

Die Frage, die Historiker und Juristen gleichermaßen nun beschäftigen wird, lautet: War Andrew Mountbatten-Windsor sich des Unrechts bewusst, das er begangen haben soll?

Eine Monarchie, die dazu gelernt hat

Die Festnahme ist ganz klar ein schwerer Schlag für die „Marke Monarchie“. Doch ihr Untergang ist sie nicht. Eine Institution, die jahrhundertelang ihre Mitglieder über das Recht stellte — durch Geburt, durch Schweigen, durch dynastisches Kalkül – und die heute erklärt, das Gesetz müsse seinen Lauf nehmen, ist nicht geschwächt, sie ist ehrlicher, transparenter und damit zeitgemäßer.

Charles I. starb auf dem Schafott, weil er als ein König „von Gottes Gnaden“ glaubte, über dem Recht zu stehen. Edward VIII. entging dem Recht, weil das Establishment ihn schützte, weil er Sohn und Bruder eines Monarchen war und die Monarchie einen solchen Skandal, verursacht durch Mitglieder des Königshause so kurz nach der Abdankung, nur schwer verkraftet hätte. Doch Andrew Mountbatten-Windsor saß in Polizeigewahrsam — nicht weil er noch Prinz ist, sondern obwohl er es einmal war.

Es ist eine späte, aber vielleicht notwendige Entwicklung: Die Krone schützt nicht mehr die Ihren. Das Gesetz aber schon.