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Dieser Tag ist anders

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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser, der Mittwoch zählt nicht zu den beliebtesten Wochentagen. Im Gegenteil, er ist der Gipfel der Belastung. Mittwochs ballen sich in Fabriken die Bestellungen, auf Schreibtischen die Akten und in Firmen die Meetings. Auch die Redaktionsleitung von t-online hält mittwochvormittags ihre wöchentliche Zusammenkunft ab, aber heute muss ich passen, weil der Kanzler zum Gespräch bittet, die Termine überschneiden sich, Mittwoch halt. Im prall gefüllten Wochenkalender eines vielbeschäftigten Arbeitnehmers stellt der Mittwoch den Höhepunkt da. Der Mittwoch ist der Mount Everest unter den Wochentagen: schwer zu erklimmen, aber völlig überfüllt. Ergo muss man sich an diesem Tag besonders anstrengen, um alle Etappen erfolgreich zu absolvieren. Man ist mehr oder weniger schwungvoll in die Woche gestartet und läuft nun auf Hochtouren wie ein gut geölter Motor vom Daimler. Bevor man auf die Zielgerade einbiegen und den Freitagabend am Horizont erspähen kann, gibt man richtig Gas. "Mitttttwooooch!" röhrt der innere Turbo, "gib alles! Triff ganz viele schlaue Entscheidungen! Fahr die Produktion hoch, schließ tolle Geschäfte ab, die deine Chefs glücklich machen, und falls du nur ein Journalist bist, dann schreib wenigstens Texte, die ganz viele Klicks einheimsen!" Also gibt man alles, was man geben kann, und versucht die Wochenmitte erfolgreich zu bewältigen. Fabrikarbeiter fahren vielleicht eine Extraschicht. Lehrerinnen springen nach dem regulären Dienst für die erkrankte Kollegin ein, damit die Kids nicht in die Röhre gucken. Journalisten bemühen sich um pointierte, aber differenzierte Texte, damit auch jene Boomer, die den Morgenkommentar am Vortag missbilligten, diesmal zufrieden nicken. ZDF-Redakteure überlegen fieberhaft, wie sie das KI-Bilderdebakel im "heute journal" verdauen können. Ja, er ist eine echte Herausforderung, so ein Mittwoch. Doch der heutige Mittwoch ist anders. Er verlangt keinen Turbo und keine Extraschicht. Stattdessen fordert er uns auf, einen Gang runterzuschalten und das Stress-Level zu senken. An diesem Aschermittwoch tragen nicht nur die Jecken Trauer, es beginnt auch die christliche Fastenzeit – und der Kalender will es in diesem Jahr so, dass zusätzlich der Ramadan anfängt. Auch Muslime starten heute in den Fastenmonat, und viele nehmen ihn sehr ernst. Nun ist es das Eine, auf üppige Speisen, Süßigkeiten und Alkohol oder sogar tagsüber vollständig aufs Essen und Trinken zu verzichten. Das Andere ist die mentale Dimension des Fastens, die noch einprägsamer und womöglich auch reinigender wirkt. Wer gewöhnlich atemlos durch den Alltag stürmt, ein Meeting nach dem anderen absolviert, immerzu ein Auge auf dem Smartphone, der mag es als außergewöhnliche Erfahrung erleben, zwischendurch einfach mal innezuhalten. Besinnung ist ein leises Wort, aber es bringt im Oberstübchen viele Synapsen zum Klingen, wenn man es hereinlässt. Seine Schwester heißt Achtsamkeit, ebenfalls ein sanfter Charakter, aber volltönend und farbenfroh. Diese beiden Mittwochsgäste unterbreiten uns also den Vorschlag, eine Pause in der Hektik einzulegen, eine Auszeit vom Dauerkonsum zu nehmen und auf neue Gedanken zu kommen. Neue Gedanken findet man zum Beispiel im Gespräch. Oder in einem Buch. Mir fiel soeben Philip Roths Roman "Verschwörung gegen Amerika" wieder in die Hände. Darin beschreibt der vielleicht größte Schriftsteller, den New York hervorgebracht hat, wie ein populistischer Emporkömmling das Präsidentenamt ergattert und beginnt, ein faschistoides Regime zu errichten. Das Buch erschien 2004, zwölf Jahre vor Trumps erster Präsidentschaft. Prophetisch nennt man das wohl. Es erzählt uns mehr über Amerikas Abgründe als das Geschnatter in all den Talkshows und Podcasts. Auf neue Gedanken kann auch kommen, wer sich in den "sozialen Medien" umschaut. Das erfordert zwar mehr Selbstdisziplin, weil man sich nicht von dem Dünnpfiff ablenken lassen darf, der dort abgesondert wird. Aber sogar in Misthaufen findet sich ja gelegentlich eine Perle. Auf X, dem Misthaufen des weltweit erfolgreichsten Güllelieferanten Elon Musk, sorgen seit einigen Stunden Videos aus China für Aufsehen. Sie zeigen eine technologische Entwicklung, die man bahnbrechend nennen kann: Eine Schar von Robotern vollführt dort Kung-Fu-Tänze – und ihre Bewegungen sind so schnell und fließend, dass man sie für Menschen halten könnte, die sich ein martialisches Kostüm übergestreift haben. Doch da stecken keine Menschen in den Figuren. Darin stecken nur Kabel, Computerchips und ein ziemlich smarter Code, der mithilfe Künstlicher Intelligenz geschrieben worden sein könnte. Zu sehen sind die verblüffenden Aufnahmen hier und hier . Eine weitere Sequenz zeigt hier den gewaltigen technologischen Fortschritt binnen eines Jahres. Ein paar Klicks weiter stößt man auf ein Video, das einem millionenschweren Actionfilm entstammen könnte: ein Wirbelsturm trifft eine Metropole, Häuser explodieren, Flugzeuge stürzen ab, eine Frau rast im Auto durchs Feuer, um ihre Tochter zu retten – am Ende verspricht der US-Präsident Rettung. Die Szenen wirken nicht nur wie Trump-Propaganda, sondern auch wie mit teurer Hollywood-Technik gefilmt. Tatsächlich wurde das Video den Machern zufolge jedoch vollständig von einer KI produziert. Binnen eines Tages. Roboter und Explosionen: Wenn Sie nun einwenden, dass solche wilden Szenen wenig mit Besinnung oder gar Achtsamkeit zu tun haben, haben Sie natürlich recht. Doch ohne ein paar Minuten Muße zwischen zwei Terminen hätte ich die Aufnahmen nicht gefunden. Und seither gehen Sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Mehr noch: Sie regen zum Nachdenken über die Welt an – nicht die von heute, sondern die von morgen, die vermutlich nur noch wenige Monate entfernt ist. Mustafa Suleyman, dessen Buch "The Coming Wave" jedem kritischen Zeitgenossen wärmstens empfohlen sei , hat vor wenigen Tagen im Gespräch mit der "Financial Times" eine aufsehenerregende Prognose getätigt. Demnach werden die meisten Aufgaben von Rechtsanwälten, Buchhaltern und anderen Schreibtischberufen "in den kommenden 12 bis 18 Monaten vollständig durch KI automatisiert". Und dann geht es mit anderen Berufen weiter. Selbst wenn der Mann primär auf die USA blickt und die Trägheit deutscher Unternehmen unterschätzt – kein Arbeitnehmer sollte sich der Illusion hingeben, dass seine Tätigkeit sakrosankt sei. Künstliche Intelligenz ist drauf und dran, die Arbeitswelt zu revolutionieren. Die Mehrzahl der Menschen will es nur noch nicht wahrhaben. Konfrontiert mit einer revolutionären Technologie ist Verdrängung jedoch die schlechteste aller Optionen. Diese Erfahrung mussten vor 140 Jahren schon die Pferdekutscher machen, als ein gewisser Herr Daimler mit seinem Motorkarren angerollt kam. Wir sollten es anders machen als die Kutscher. Wir sollten jetzt genau hinschauen. Im Jahr 2026 haben wir ungleich mehr Möglichkeiten, uns zu informieren und für die rasanten Veränderungen der Gegenwart zu wappnen. Um damit zu beginnen, genügen schon ein paar ruhige Augenblicke an einem etwas anderen Mittwoch. MEDIEN Zitat des Tages "Das ist ein Tabubruch und ein absolutes No-Go." Nordrhein-Westfalens Medienminister Nathanael Liminski geißelt die Verwendung ungekennzeichneter KI-Videos in einem Nachrichtenbeitrag des "heute journal". Der Fall zeigt, wie fahrlässig der Sender nicht nur seinen eigenen Ruf aufs Spiel setzt, kommentiert mein Kollege Steven Sowa. TÖRÖÖÖ! Politischer Aschermittwoch Auch für den politischen Aschermittwoch gelten andere Gesetze , zumal in Bayern: Wenn die CSU und ihr Ministerpräsident Markus Söder in die Passauer Dreiländerhalle zum "größten Stammtisch der Welt" einladen, werden Fischsemmeln und Krapfen gereicht und die ersten leeren Maßkrüge kurz nach 9 Uhr morgens abgeräumt. Dürften dort die bayerischen Kommunalwahlen am 8. März im Fokus stehen, so wird es in zwei anderen Süd-Bundesländern um die kommenden Landtagswahlen gehen. Kanzler Friedrich Merz soll der rheinland-pfälzischen CDU mit einem Auftritt in Trier Rückenwind für den 22. März verschaffen, in Baden-Württemberg legen sich Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir und der scheidende Ministerpräsident Winfried Kretschmann in Biberach für den Urnengang am 8. März ins Zeug. CDU-Herausforderer Manuel Hagel und Hessens Regierungschef Boris Rhein kalauern in Fellbach. NATO-MANÖVER Pistorius an Bord Es ist die größte Nato-Übung 2026 und die größte ihrer Art seit knapp sieben Jahren: Rund 10.000 Soldaten aus elf europäischen Ländern sind am Manöver Steadfast Dart beteiligt, das Anfang Januar begonnen hat. Ziel ist es, möglichst schnell möglichst viele Truppen und Gerät von Südeuropa nach Norddeutschland zu bringen. Und natürlich die Stärke der neuen Eingreiftruppe ARF zu demonstrieren. Dass Deutschland die Gastgeberrolle übernommen hat, ist kein Zufall: Im Konfliktfall mit Russland an der Nato-Ostgrenze wäre die Bundesrepublik die Logistikdrehscheibe. Heute sind die Ankunft des spanischen Flotten-Flaggschiffs "Castilla" an der Küste Schleswig-Holsteins und eine amphibische Landeoperation am Truppenübungsplatz Putlos östlich von Kiel geplant. Zu diesem "operativen Höhepunkt" des Manövers hat sich hoher Besuch angesagt: Verteidigungsminister Boris Pistorius wird zusammen mit Nato-General Ingo Gerhartz in Putlos erwartet. Dass an der Übung keine Amerikaner teilnehmen, hat der Nato zufolge keinen politischen Hintergrund: Die an der Eingreiftruppe beteiligten Nationen wechseln immer wieder durch, und gerade sind die Amis nicht dabei. Schon mal das Szenario zu proben, dass sich die konventionellen US-Truppen innerhalb der nächsten Jahre aus Europa zurückziehen, kann aber sicher nicht schaden. Lesetipps Deutsche Firmen geben viel Geld für Werbung auf Facebook, Instagram und TikTok aus. Nun zeigt eine neue Studie, dass sie von den Plattformen nach Strich und Faden betrogen werden. Artikel lesen SPD-Politiker Rolf Mützenich argumentiert gegen einen europäischen Atomschirm. Der Mann ist ein Ärgernis, findet unser Politikchef Christoph Schwennicke. Artikel lesen Verteidigungsminister Pistorius will Drohnen für die Bundeswehr kaufen. Doch ein Hersteller mit Verbindungen ins Trump-Lager wirft Fragen auf, schreiben unsere Reporter Daniel Mützel und Lars Wienand. Artikel lesen Ohrenschmaus Besinnliche Musik für den Mittwoch? Kommt vom besten deutschen Trompeter. Zum Schluss Ich wünsche Ihnen einen produktiven Mittwoch. Morgen kommt der Donnerstags-Tagesanbruch gewohnt entspannt von unserer Reporterin Annika Leister. Herzliche Grüße Ihr Florian Harms Chefredakteur t-online Mit Material von dpa.