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Pragmatismus statt Ideologie: Arbeloas Handschrift immer sichtbarer

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Álvaro Arbeloas Konzepte greifen vor allem in LaLiga immer besser – Foto: Angel Martinez/Getty Images

Taktische Idee beginnt zu greifen

Rein ergebnismäßig fällt das erste Zwischenfazit ohnehin positiv aus: Nach acht Pflichtspielen als Real Madrids Cheftrainer stehen bei Álvaro Arbeloa zwar mit der Copa-Blamage bei Zweitligist Albacete (2:3) sowie der schmerzhaften Champions-League-Pleite bei Benfica (2:4) zwar auch zwei absolute Saisontiefpunkte zu Buche, wobei er für das Pokalfiasko nur bedingt verantwortlich ist, aber auch eine makellose Liga-Bilanz. In fünf Spielen unter dem neuen Coach fuhren die Königlichen genauso viele Siege ein und weisen dabei ein Torverhältnis von 12:2 auf. Dabei waren die Aufgaben alles andere ein einfach, unter anderem konnte man sich bei traditionell schwierigen Gastspielen in Villarreal und Valencia durchsetzen.

Waren die Auftritte der Blancos in den ersten vier LaLiga-Partien unter Arbeloa weitestgehend glanzlos und zweckmäßig, wurde beim souveränen 4:1-Sieg gegen Real Sociedad am Samstagabend erstmals die Handschrift des ehemaligen Castilla-Trainers deutlich sichtbar. Gegen das Team der Stunde aus dem Baskenland sah man bisher am deutlichsten, für welche Art von Fußball Arbeloa steht: Strukturierter, vertikaler Spielaufbau, Gegenpressing und Kontrolle im Mittelfeld, flexibles Positionsspiel. Dazu bewies der frühere Real-Profi auch, dass er durchaus variabel ist, wenn es um Sysstem und Aufstellung geht – gegen Real Sociedad agierte sein Team im Gegensatz zu den meisten bisherigen Spielen in einem 4-4-2.

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Vertrauen wird zurückgezahlt

Zu Beginn seiner Amtszeit, als Real Madrid sportlich wie medial im Chaos zu versinken drohte, stellte sich Arbeloa eindeutig und demonstrativ vor allem vor jede seiner Spieler, die am meisten in Kritik standen und bis dato eher eine enttäuschende Saison gespielt hatten, und genau jene Akteure zahlen inzwischen den Vertrauensvorschuss immer mehr zurück. So gehörten beispielsweise Vinícius Júnior und Federico Valverde nicht nur gegen Real Sociedad zu den Besten, sondern weisen grundsätzlich eine positive Formentwicklung und Tendenz auf.

Dem Brasilianer, den die breite Öffentlichkeit als den Hauptverantwortlichen für die Demission von Xabi Alonso ausgemacht hatte, tut das Vertrauen auf und neben dem Platz sichtlich gut, er findet immer mehr zu seiner alten und lange vermissten Lockerheit zurück, die für sein Spiel essentiell ist. Die sich vielleicht am besten in der Art und Weise widerspiegelte, wie er die beiden Strafstöße gegen das Team aus San Sebastián ausgeführt hat – entspannt, mit Witz und Leichtigkeit. Vinis Auftritte und Tore gegen Monaco und Rayo Vallecano hatten schon die ersten Anzeichen dieser neuen Freiheit und der damit verbundenen Leichtigkeit in seinem Spiel geliefert.

Valverde wiederum setzt der neue Trainer auf seiner angestammten Position im Mittelfeld ein, ohne ihn jedoch durch taktische Zwänge einzugrenzen. Während unter Alonso taktische Disziplin und Positionstreue, ob im Mittelfeld oder in der Abwehr, oberste Gebote waren, darf der Uruguayer unter dem neuen Übungsleiter wieder deutlich variabler agieren, mehr Risiko wagen, unkonventioneller auftreten, was ihn deutlich gefährlicher als in weiten Teilen der bisherigen Saison macht. Dass der Kapitän am Samstagabend endlich seinen ersten Saisontreffer, der aus einem Vorstoß durch die Mitte entstand, markierte, kommt nicht von ungefähr.

Druckresistenz als Faustpfand

Sowohl die Aufstellung als auch die systemtaktische Rolle von Trent Alexander-Arnold im Spiel gegen Real Sociedad stehen ebenfalls exemplarisch für die Denkweise Arbeloas. Nominell als Rechtsverteidiger aufgestellt, agierte der Brite fast mehr als Mittelfeldspieler, war oft für den Spielaufbau verantwortlich, dem er die so lange vermisste Ruhe, Kontrolle und Struktur verlieh. In der zweiten Hälfte kamen die durch seine langen und präzisen Bälle eingeleiteten Seitenverlagerungen mehrfach sogar von der linken Seite. Das war allerdings kein aus taktischer Unordnung entstandenes Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis einer von Arbeloas Stärken: Der Coach setzt deutlich auf die jeweiligen Stärken seiner Spieler und versucht diese maximal in Erfolg umzumünzen – siehe auch unter Valverde.

Dass der ehemalige Liverpool-Spieler in der Startelf den Vorzug vor Daniel Carvajal, der um einiges Länger wieder fit und spielbereit ist, beweist außerdem auch, dass Arbeloa sich weder vom öffentlichen noch vom internen Druck beirren lässt. Nachdem Carvajal in der Woche in Valencia erneut nicht berücksichtigt wurde und sogar Canterano David Jiménez Vorzug vor dem ersten Kapitän erhielt, hatte dieser sich direkt im Anschluss an das Spiel bei Fitness-Trainer Antonio Pintus darüber beklagt, woraufhin in den Medien tagelang von einem „Fall Carvajal“ die Rede war. Medial gab sich Arbeloa ob eines potentiellen neuen Krisenherds unbeeindruckt und abgeklärt, ließ dann am Samstag aber auch deutlich erkennen, dass er sich keineswegs von externen Stimmungen leiten lässt.

Auch im Fall Kylian Mbappé bewies Reals Trainer Standfestigkeit: Obwohl Arbeloa noch am Freitag nach dem Abschlusstraining selbst bekanntgab, dass der Torjäger fit und spielbereit sei, ließ er ihn gegen Real Sociedad draußen. Nicht als Trotzhandlung, sondern aus purer Notwendigkeit im Hinblick auf die anhaltenden Knieprobleme des Franzosen und die bevorstehende CL-Aufgabe in Lissabon, aber auch den Rest der Saison. Wenn der Coach es tatsächlich schaffen sollte, den manchmal falschen und mitunter schädlichen Ehrgeiz seines Superstars, der nach eigenen Aussagen jede Partie unbedingt durchspielen will, in gesunde Bahnen zu lenken, wäre für die kommenden Monate viel gewonnen.

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Arbeloa kann nur gewinnen

Auch rückblickend war die Aufgabe, die Álvaro Arbeloa nach dem Aus von Xabi Alonso übernommen hatte, nicht nur äußerst schwierig, sondern ähnelte spätestens nach wenigen Tagen und dem Desaster von Albacete fast schon einem Himmelsfahrtkommando. Anschließend drohte Real Madrid sportlich wie atmosphärisch im Chaos zu versinken – unzufriedene und gleichzeitig völlig verunsicherte Spieler hier, wütende Fans dort, Ergebnisdruck da. Der neue Trainer blieb in der absoluten Ausnahmesituation ruhig und konsequent, verteidigte seine Spieler bis hin zur Gefahr, sich Lächerlichkeit preiszugeben, vermied gleichzeitig die Konfrontation mit der enormen Unzufriedenheit des Madridismo, aber auch mit den Stimmungen innerhalb des Vereins. Er versuchte es allen möglichst rechtzumachen und scheinbar funktioniert die Taktik tatsächlich. Denn auch die Stimmungslage im Bernabéu ist mittlerweile um Welten entspannter als auch bei den letzten beiden Heimspielen gegen Levante und Rayo Vallecano.

Tatsächlich hatte und hat Arbeloa gerade angesichts der zwischenzeitlichen Chaos-Zustände wenig zu verlieren, denn die Erwartungshaltung an ihn hatte schnell einen Tiefpunkt erreicht. Doch sein Team funktioniert nicht nur immer besser, es ist auch immer noch mitten im nationalen Titelkampf und in der Königsklasse trotz der Zusatzrunde gegen Benfica weiterhin mit allen Chancen. Parallel profitiert der 43-Jährige davon, dass die schier endlose Verletzungsmisere langsam abklingt und er auf immer mehr Akteure zurückgreifen kann. Vor allem in der Defensive hat er inzwischen teilweise Qual der Wahl. Wenn er es weiterhin schafft, die Stimmungen innerhalb und außerhalb der Mannschaft gut zu kanalisieren, ohne dabei sein eigenes Profil und seine eigenen Ideen zu vernachlässigen, könnte Real Madrids Saison unter Umständen doch noch erfolgreicher werden, als man zwischendurch zu hoffen wagte.

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