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Fried – Blick aus Berlin: Als Wahlkampf noch leidenschaftliche politische Schlacht war

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Der einstige Grünen-Star Joschka Fischer unterstützt Cem Özdemir in Baden-Württemberg. Es gibt wahrlich politisch Wichtigeres. Und doch schwelgt unser Autor mal kurz in Nostalgie.

Joschka Fischer tritt am Aschermittwoch in Biberach auf. Er wird dort für Cem Özdemir werben, den grünen Spitzenkandidaten in Baden-Württemberg. Ich gebe zu, das Comeback des Wahlkämpfers Fischer war die innenpolitische Nachricht, die mich zuletzt am meisten elektrisiert hat, auch wenn Teilzeitarbeit und Gasspeicher natürlich wichtiger sind.

Fischer ist 77, ich bin unwesentlich jünger. Außerdem dürfte den Ex-Außenminister und mich die Überzeugung verbinden, dass Wahlkämpfe früher aufregender waren. Sorry, liebe Leserinnen und Leser, aber jetzt kommt ein Schwall an Nostalgie.

Joschka Fischers Bravourstück war der Wahlkampf 2002

Neben Gerhard Schröder war Joschka Fischer der letzte mitreißende Wahlkämpfer, den das Land gesehen hat. Merkel? Steinbrück? Trittin? Scholz? Baerbock? Merz? Ich bitte Sie … Nach Fischers Rückzug kam niemand mehr, der sich mit so viel Leidenschaft in die politische Schlacht warf, der so emotional und zugleich pointiert reden konnte. Unvergessen, wie er im Sommer 2005 Angela Merkel prophezeite, ihre Umfragewerte würden am Wahltag zusammenfallen wie ein Soufflé im Ofen, in das man hineinpiekt. Und recht hatte er damit auch noch.

Fischers Bravourstück war der Wahlkampf 2002. Seine leuchtenden Augen werde ich nicht vergessen, als ihn die Nachricht erreichte, dass Edmund Stoiber Kanzlerkandidat der Union würde. Fischer brauchte Gegenüber, an denen er sich reiben konnte, unter den politischen Konkurrenten, aber auch im Publikum. Auf Kundgebungen wartete er nur darauf, dass ihn jemand wegen der Bundeswehreinsätze im Kosovo oder in Afghanistan als "Kriegstreiber" beschimpfte. Dann bellte er seine Geschichte einer Katharsis in die Menge, die in der Einsicht geendet habe, "dass Prinzipien nicht mehr wert sein können als Menschenleben". Fischer war der erste Politiker, der erfolgreich damit Wahlkampf machte, umgefallen zu sein – noch dazu in der Grundsatzfrage von Krieg und Frieden. Er gewann wichtige Prozente für den Erhalt von Rot-Grün, und Schröder musste über sich ergehen lassen, dass sein Vizekanzler auf der Wahl-Party der SPD mit "Joschka, Joschka"-Rufen gefeiert wurde.

Natürlich zelebrierte Fischer auch sein politisches Berserkertum. Er quälte sich publikumswirksam durch sein Fitnessprogramm wie durch seine Erschöpfung. Erst wenn die Stimme richtig heiser knarzte, war sie wahlkampftauglich. Er genoss den Andrang bei seinen Auftritten und fragte hinterher theatralisch: "Wo kommen die ganzen Leute her? Was wollen die bloß alle?" Im Übrigen war er überzeugt davon, dass ihn ohne seine Partei noch mehr Leute wählen würden (Jürgen Trittin hat später gerne süffisant darauf hingewiesen, dass die Grünen erst ohne Fischer 2009 das erste Mal zweistellig wurden).

Es ist übrigens nicht ohne Witz, dass Fischer gerade Özdemir zur Hilfe eilt. Der hätte ihm und den Grünen 2002 als junger Abgeordneter mit einer Bonusmeilen-Affäre und dem Kredit eines PR-Beraters fast den Wahlkampf vermasselt. Wahrscheinlich gerät Fischers Auftritt diesmal nicht ganz so unterhaltsam wie früher. Die internationale Lage dürfte ihm Falten auf die Stirn werfen und Bedächtigkeit in die Worte stanzen. Dabei wären manche Sätze aus einem Auftritt in Biberach vor 25 Jahren heute durchaus passend. Zum Beispiel zum Zustand der CDU vor Parteitag und Landtagswahlen. Über einen Unions-Mann unter hohem innerparteilichem Druck sagte Fischer schon 2001: "Ob Herr Merz den April überlebt, weiß ich noch nicht."