Olympia 2026: Vorwürfe im Wintersport – Die Wahrheit hinter den Medaillen
Bei den Olympischen Spielen sollen die besten Sportlerinnen und Sportler ausgezeichnet werden. Doch für den Titel überschreiten manche auch Grenzen. Am Montag, vier Tage vor der Eröffnungsfeier in Mailand, sickerte die Nachricht durch: Die Olympischen Spiele haben ihren ersten Dopingfall. Ausgerechnet eine Italienerin wurde positiv getestet. Bei der Biathletin Rebecca Passler fand die italienische Anti-Doping-Agentur Nado den Stoff Letrozol, ein Antiöstrogen, das in der Brustkrebstherapie eingesetzt wird. Die 24-Jährige wurde daraufhin vorläufig suspendiert. Den Schweden Sebastian Samuelsson wird der Fall womöglich nicht überrascht haben. Der schwedische Ausnahmebiathlet sagte Ende Januar dem schwedischen TV-Sender SVT Sport: "Ich war immer davon überzeugt, dass ich gegen gedopte Athleten antrete." Anlass für Samuelssons Aussage war eine anonyme Umfrage unter fast 200 der an Olympia teilnehmenden Nationalmannschaftsathleten aus Dänemark, Schweden, Finnland und Norwegen. Das Ergebnis: 49,2 Prozent der Antwortenden gaben an, zwischen dem 1. September 2024 und dem 1. September 2025 während des Trainings oder der Freizeit nie getestet worden zu sein. 13,3 Prozent hätten einmal eine Dopingprobe abgeben müssen. Während der Wettkämpfe wurde mehr als die Hälfte der Befragten maximal einmal getestet. Olympia-Eröffnungsfeier: Deutscher mit kurioser Aktion – Vance ausgebuht Ein besonderer Moment: Das war bei der Olympia-Eröffnungsfeier nicht im TV zu sehen "Das ist schlecht, man müsste deutlich mehr testen. Gleichzeitig ist das ein Trend, der sich seit einigen Jahren fortsetzt", sagte Samuelsson. Seiner Meinung nach liegt das an den teuren Tests und an den meist negativen Ergebnissen. "Dann kann man sich fragen: Sind viele Dopingtests wirklich ein effektives Mittel, um Betrüger zu überführen?", fügte der Schwede an. Dass während des Trainings oder der Freizeit so selten getestet wird, ist fatal. Denn einige Substanzen werden von Athleten über längere Zeiträume genommen, gerade in Aufbauphasen oder zur Regeneration. Direkt vor den Wettkämpfen wird seltener gedopt, zu hoch ist das Risiko, erwischt zu werden. Schon vor den Olympischen Sommerspielen in Paris 2024 blieben mehr als 1.000 Athletinnen und Athleten fast ein ganzes Jahr lang ungetestet. Wenn die Manipulation auffliegt Olympiasieger Michael Rösch denkt an seine aktive Zeit zurück. "Als ich mit 20, 21 Jahren in den Weltcup kam, dachte ich, der Biathlonsport ist eine saubere Welt. Da haben uns die vergangenen Jahre etwas anderes gelehrt", so der deutsche Eurosport-Experte im Gespräch mit t-online. Rösch erinnert sich unter anderem an den Skandal des russischen Staatsdopings rund um die Winterspiele in Sotschi 2014. Elf Jahre später bekam die deutsche Biathlonstaffel, die ursprünglich Silber gewonnen hatte, im vergangenen Herbst nachträglich die Goldmedaille. Es ist aber nicht nur Doping, das in den vergangenen Monaten und Jahren im Wintersport ein beherrschendes Thema ist. Denn Manipulation gibt es auch beim Material. Das zeigt unter anderem der norwegische Anzugskandal im Skispringen vor einem Jahr. Bei der Nordischen Ski-WM in Trondheim gelangten Videos an die Öffentlichkeit, auf denen der Betrug zu sehen war. Norwegische Teambetreuer nähten im Beisein des Cheftrainers ein verbotenes Band in die Anzüge, das nach dem Absprung mehr Stabilität bringen sollte. Polens Nationaltrainer Thomas Turnbichler tobte: "Es ist für mich eine Verarschung. Es ist eine klare Manipulation und klarer Sportbetrug, ähnlich wie Doping." Doch damit nicht genug. In der Folge gaben mehrere Ex-Springer Betrug zu. Darunter auch der fünffache Vierschanzentourneesieger Janne Ahonen. "Ich habe nie etwas an meinem Anzug getragen, was nicht erlaubt war, aber wenn es um die Größe geht, habe ich die Vorschriften gedehnt und die Grenze überschritten", sagte Ahonen dem norwegischen TV-Sender NRK. Ein größerer Anzug vergrößert die Oberfläche und damit den Auftrieb in der Luft. Ein klarer Vorteil. Der Finne war sich seines Fehlverhaltens bewusst. Der Norweger Anders Jacobsen, Tourneesieger von 2007, tat das Gleiche: "Betrug ist ein hartes Wort. Aber ich kann nicht mit meiner Hand auf meinem Herzen sagen, es nicht getan zu haben", sagte Jacobsen. "Denn wenn die Definition von Betrug ist, einen etwas zu großen Anzug zu tragen, dann habe ich betrogen." Jacobsens Landsmann Daniel André Tande behauptete sogar, dass "absolut jeder" betrüge. Das Bild vom sauberen Skispringen, es war endgültig zerstört. Betrug im Schritt? Auch in diesem Winter kamen neue Schummelvorwürfe ans Licht. Vor dem Saisonstart seien die Athleten mit einem 3D-Scanner vermessen worden, um die exakten Körpermaße zu erhalten, um Betrug vorzubeugen. Die "Bild" meldete Anfang Januar, dass einige Springer sich dafür Hyaluronsäure in den Penis spritzen ließen, damit dieser beim Scan größer ist und sie dadurch mehr Fläche für den Skisprunganzug erhalten. Der norwegische Skispringer Halvor Egner Granerud selbst zeigte sich vom Bericht der "Bild" irritiert. "Rune Velta (Cheftrainer der Norweger, Anm. d. Red.) kam vor der Qualifikation in die Umkleidekabine und sagte: 'Ihr müsst euch auf Fragen zu Penisinjektionen gefasst machen.' Ich muss zugeben, dass ich dachte, das sei ein Scherz", so Granerud zur Zeitung "Dagbladet". Die Berichte seien seiner Meinung nach "völlig absurd". Trotz des Dementis des Norwegers nahmen die Spekulationen um die Tricksereien im Schritt der Skispringer an Fahrt auf, als ein Podcast mit dem ehemaligen Kombinierer Mika Vermeulen die Runde machte. Bei "Skirious problems" sprach der Österreicher über seine Anfänge im Profi-Wintersport. Als ich das erste Mal Messungen vornehmen sollte, kamen einige der älteren und erfahreneren Springer zu mir und sagten: 'Es ist sehr wichtig, dass du deinen Penis mit Klebeband festklebst, denn so wird dein Schrittmaß ein oder zwei Zentimeter niedriger.'" Die Annahme zu dem Zeitpunkt: "Je tiefer dein Schritt ist, desto mehr Luftwiderstand bekommst du." Für ihn sei das "auf jeden Fall vergleichbar mit Doping". Vermeulen war überzeugt, dass es keine Grenzüberschreitung aus Versehen gibt: "Ich kann das mit hundertprozentiger Sicherheit sagen: Alle, die beim Skispringen und in der Nordischen Kombination disqualifiziert werden, betrügen absichtlich. Und sie rechtfertigen das einfach damit, dass sie sagen: 'Ja, ja, aber alle anderen machen das auch.'" "Es gab für mich immer nur eine Person, der ich vertraut habe" Die Grenzüberschreitungen, Tricksereien und Betrugsfälle werfen in jedem Fall kein gutes Licht auf den Wintersport, der lange ein gutes Image hatte. Doch die vergangenen Jahre haben einen Schatten auf die Sportarten geworfen, die aufgrund ihrer oft lokalen Verbundenheit fannäher und ehrlicher wirkten. Eurosport-Experte Michael Rösch weiß, dass inzwischen "an allem gearbeitet" wird. Ob am Material, am Training, überall versuchen die Teams noch den ein oder anderen Meter oder die ein oder andere Sekunde herauszuholen. "Solange es legal ist, ist es okay. Aber du weißt es von außen eben nie", so der 42-Jährige zu t-online. Es bleibt lediglich die Hoffnung. Das gilt vor allem für die kommenden Wochen, wenn es bei den Olympischen Spielen in Mailand und Cortina d'Ampezzo um Gold, Silber oder Bronze geht. Rösch erinnert sich: "Es gab für mich immer nur eine Person, der ich vertraut habe: Das war ich selbst. Und ich konnte nur hoffen, dass die Person, die mich geschlagen hat, sauber war."
