Banken ziehen Notbremse gegen Betrug
In den ersten Januartagen 2026 erlebten viele Russen eine unangenehme Überraschung: Ihre Konten oder Karten wurden plötzlich gesperrt, und zwar nicht wegen Schulden, sondern weil ihre Zahlungen als „verdächtig“ eingestuft wurden. Grund ist die Verschärfung des Antifraud-Gesetzes 161-FZ: Seit dem 1. Januar 2026 gilt ein doppelt so umfangreicher Katalog von Merkmalen für verdächtige Transaktionen. Nun sind es zwölf statt sechs. Gleichzeitig haben Banken ihre automatisierten Sicherheitssysteme massiv ausgebaut.
Die Folge: In den ersten drei Wochen des Jahres wurden nach Schätzungen von Experten zwei bis drei Millionen Konten und Karten vorübergehend blockiert – gegenüber durchschnittlich 330 000 pro Monat zuvor. Doch während die Zahl der abgewehrten Betrugsversuche tatsächlich steigt (im zweiten Quartal 2025: 38,7 Millionen Fälle), leiden zunehmend unschuldige Bürger unter den Maßnahmen. Selbstständige, Freelancer, Familienangehörige älterer Menschen oder einfache Online-Käufer geraten ins Visier der Algorithmen – etwa wenn sie innerhalb kurzer Zeit mehrere Zahlungen an denselben virtuellen Marktplatz tätigen oder Gelder für gebrechliche Eltern verwalten. „Ich habe mehrfach mein Konto auf einer Plattform aufgeladen, um Waren zu kaufen und wurde daraufhin als verdächtig eingestuft“, berichtet ein Betroffener gegenüber dem Kommersant. Solche Fälle häufen sich.
Schuldig bis zum Beweis der Unschuld
Ein zentrales Problem ist die fehlende Transparenz. Viele Banken weigern sich, Kunden konkret zu erklären, warum ihre Konten gesperrt wurden. Stattdessen verweisen sie auf „interne Protokolle“ oder leiten Anfragen an die Zentralbank weiter. Die Finanzbehörde erteilt jedoch keine Einzelfall-Auskünfte. Ohne klare Begründung können Betroffene kaum reagieren.
Für fälschlich Verdächtigte existiert zwar ein Rehabilitierungsmechanismus: Sie können beantragen, aus der schwarzen Liste der Zentralbank gestrichen zu werden. Doch das Verfahren dauert bis zu 15 Arbeitstage, in denen der Zugang zu bargeldlosen Zahlungsmitteln stark eingeschränkt bleibt. Für Selbstständige oder Haushalte ohne Rücklagen kann dies existenzbedrohend sein.
Experten fordern dringend Korrekturen: eine verpflichtende Mindestbegründung für jede Blockade, ein beschleunigtes Überprüfungsverfahren und eine regelmäßige Überprüfung der Verdachtskriterien. Die Zentralbank signalisiert Gesprächsbereitschaft und hat bereits einzelne Regelungen angepasst. Fjodor Musalewski von der RTM Group geht davon aus, dass sich die Lage innerhalb von sechs Monaten stabilisieren wird, sobald Banken gelernt haben, die neuen Kriterien korrekt anzuwenden.
Doch bis dahin bleibt das System fehleranfällig. Zentralbankchefin Elwira Nabiullina räumte unlängst ein, dass bei der Abwehr von Betrügern „wohl an manchen Stellen die Grenze überschritten wurde“. Die Feinjustierung des Systems muss helfen, aber bis dahin gilt für viele Russen: Im digitalen Zahlungsverkehr bist du schuldig bis deine Unschuld bewiesen ist.
Goscha Haimow
Zum Thema: Spielgeld unter Verdacht
Die russische Zentralbank schlägt vor, die Herstellung und den Verkauf von Gegenständen, die russische Banknoten oder Münzen imitieren, gesetzlich zu verbieten. Die Initiative zielt darauf ab, den Bargeldumlauf zu schützen und Bürger, insbesondere ältere Menschen, vor Täuschung zu bewahren. Solche scherzhaften „Geldscheine“ und -münzen werden laut Zentralbank massenhaft über Onlineplattformen und im Einzelhandel angeboten.
Parallel dazu plant die Bank bis 2030 eine schrittweise Modernisierung des Rubels: Ab 2026 sollen die 10-, 50- und 500-Rubel-Scheine ein neues Design sowie verbesserte Sicherheitsmerkmale erhalten. Gleichzeitig wird der Qualitätskontrolle bei der Sortierung von Banknoten in Kassen und Geldautomaten mehr Aufmerksamkeit geschenkt.
Der Vorstoß erfolgt vor dem Hintergrund sinkender Fälschungsraten: 2024 war gerade mal eine unter einer Million Noten gefälscht. Das ist der niedrigste Wert seit Jahren. Dennoch sieht die Aufsicht Handlungsbedarf: Schon geringe optische Ähnlichkeiten könnten Verwirrung stiften oder gezielt für Betrug genutzt werden.
Der Vorschlag der Zentralbank wird von entsprechenden Behörden und Vertretern der Branche bewertet und kommentiert. In sozialen Netzwerken fragen Nutzer, ob künftig auch jene beliebten Schokoladenmünzen in goldener oder silberner Folie unter das Verbot fallen könnten. Sie ahmen Münzen täuschend echt nach – und „erkaufen“ damit etwas, das echtes Geld oft nicht vermag: die Freude von Kindern. Schade wäre es, einen solchen „Vermögenswert“ zu verlieren. Medien konnten bislang keine Klarstellungen dazu erhalten. Die Zentralbank hält die Spannung aufrecht.
Запись Banken ziehen Notbremse gegen Betrug впервые появилась Moskauer Deutsche Zeitung.
