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Июнь
2021

Internationale Schillertage: Das Glück glänzt in "Ode an die Freiheit" des Thalia Theaters durch Abwesenheit

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Von Heribert Vogt

Heidelberg. "Denn ein gebrechlich Wesen ist das Weib." Das ist so ein gemeißelter Schiller-Satz, der nicht so gut in die aktuelle Diskurslandschaft passt. Aber auch die Männer kommen nicht gut weg: "Flüchtlinge sind sie alle." Immerhin stammen diese Worte aus dem Königinnendrama "Maria Stuart". Bei den Mannheimer Schillertagen zeigte nun das Thalia Theater Hamburg unter dem Titel "Ode an die Freiheit" digital drei Theaterfilme nach Stücken des schwäbischen Klassikers. Dazu zählten neben der "Stuart" noch "Wilhelm Tell" und "Kabale und Liebe". Regie führte der inzwischen nach Basel gewechselte Antú Romero Nunes. Nach Ausbruch der Corona-Pandemie konnten die Auftritte der Schauspieler nur noch einzeln gefilmt werden und mussten dann entsprechend geschnitten werden. Dafür fiel das Filmresultat erstaunlich stimmig aus.

Stimmig aber auch nur darin, dass das Leben überhaupt nicht stimmig ist. Und schon gar nicht bei Friedrich Schiller, diesem Großmeister harter gesellschaftlicher Konflikte. Denn die drei Werke sind in erster Linie Tragödien: Die "Ode an die Freiheit" hat daher einen Traum im Blick, der nicht von dieser Welt ist. Das Glück glänzt durch Abwesenheit. In "Maria Stuart" ruft Königin Elisabeth unbeantwortet aus: "Was ist der Mensch! Was ist das Glück der Erde!" In "Wilhelm Tell" sind die Schweizer ein rückwärtsgewandtes "verstocktes Bergvolk", das ein tristes Dasein fristen muss. Und in "Kabale und Liebe" erblickt die unglücklich liebende Luise ein Refugium erst im "Grab".

Im Bühnenbild von Matthias Koch und mit den Kostümen von Victoria Behr wurden diese Daseinskämpfe eindrucksvoll dargeboten. In "Maria Stuart" fetzten sich die Königinnen Maria (Karin Neuhäuser) und Elisabeth (Barbara Nüsse) als zwei alte Frauen, die zunächst am Schminktisch schon mal die vielen bereits durchschrittenen Krisen ahnen lassen. Aber obwohl es auch kurze Momente von Nähe und Frauensolidarität gibt, arbeitet die Machtmaschine ganz männlich. Marias Sehnsucht: "Das ist der Augenblick der Freiheit, wenn jede Angst des Irdischen von einem abfällt." Dies wird wohl erst im Jenseits der Fall sein. Und auch der große Freiheitskampf der Schweizer in "Wilhelm Tell" scheint stark verdunkelt. Paul Schröder in der Titelrolle schwadroniert in einem fort von der großen nationalen Erzählung und vom souveränen, selbstbestimmten Leben in den Bergen: "Wir sind ein Volk, und einig wollen wir handeln." Aber während Tell eine Schiller-Sentenz nach der anderen raushaut, folgt Sohn Walter (Thomas Niehaus) dem dramatischen Schicksal des Volkes nur mit müdem Blick und muss jetzt erst mal pinkeln. Das hält den Vater in seinem Rausch nicht auf, und vor seiner Armbrust ist keiner mehr sicher. Dagegen ist der eigentlich tyrannische Landvogt Gessler (ebenfalls Niehaus) ungewohnt milde und "um Verständigung" bemüht. Auch er zieht einen Pfeil aus dem Köcher, den er gegen Tell und die Schweizer mit ihrem "starren Freiheitswillen" verbal abfeuert: "Ihr mögt das Fremde nicht."

In "Kabale und Liebe" schließlich verheddert sich die Musikertochter Luise unheilvoll in den "Fesseln des Standes". Sie bedeuteten einst unüberwindbare soziale Grenzen, aber auch noch heute sorgen die gesellschaftlichen Schichten für erhebliche Ungleichheit. Luise (Lisa Hagmeister) hat sich unsterblich in den adligen und damit unerreichbaren Ferdinand verliebt. Eine äußerst bedrohliche Angelegenheit auch für ihren Vater (Jörg Pohl) und für die Mutter (Cathérine Seifert). Den Rest besorgt die berühmt-berüchtigte Limonade.

Natürlich fehlt an einem solchen Online-Abend viel Theater-Feeling. Aber der filmische Schiller-Zugang hat auch Vorteile, kann er die großen Dramen doch in einer besonders frischen Ästhetik transportieren. Die montierten Einzelauftritte korrespondierten dabei mit der Vereinzelung der Figuren. Und ein klarer Vorteil liegt in der Nahaufnahme, sofern man den Stream auf einem großen Bildschirm anschaut. Das hat man im Theater nicht mal in der ersten Reihe. Großartig war da etwa Tell als Augen rollender Wurzelsepp. Und dann erst die zwei Königinnen: die schmallippige Elisabeth und die Maria mit großem aufgeworfenen Mund. Die trostlose Welt spiegelt sich im Faltengewirr ihrer Gesichter.